Fahrradslalom und Petunie zum Feierabend

Es ist, so sagte er zu mir, mal wieder ein spezieller Abend. Labend und so. Draußen schon wieder viel zu heiß. Was soll der ganze Scheiß? Und der Schweiß tropfte ihm auf die neuen Schuhe. Zu seinen Füßen. Dort, wo auch die Schalen mit den Erdbeeren standen und der erklärenden Bezeichnung: zuckersüße Erdbeeren aus Schlesien, PL / Deutschland. Ich sagte dazu: Mh. Er sagte: Nun ja, früher gehörte Schlesien ja mal zu Deutschland. Darüber beschwerte sich der Erdbeerverkäufer, dem Sarkasmus offenbar fremd war.

Als er kurz darauf an der Eisdiele stand und den Eisverkäufer darüber ausfragte, ob es wirklich Leute gibt, die Banane-Vanille Schoko-Vanille vorziehen würden. Kiba als Getränk ist – oder hoffentlich war – ja schon schlimm, aber nun auch noch als Milcheis? Es soll Leute geben, die sich darüber erboßten, dass das Bananen-Eis nicht gelb sei. Also so wie die Schale.

Das kommentierte er nur mit einem Stieren, weil ihm dazu nichts weiter einfiel.

Andere Tiere waren nicht zu sehen. Außer Spatzen, die beim Eis auf generöse oder altersschwache Menschen hoffen. Da fällt dann ein Stück Waffel ab, aus Willen oder aus Tattrigkeit.

In der Innenstadt war gegen sechzehn Uhr bereits Wochenende. Wie in einem Ameisenhaufen liefen die Menschen durcheinander. Von seinem Fahrrad aus waren sie nur Hindernisse. Aber gute Hindernisse. Sich bewegende Slalomstangen, um mit dem Fahrrad ein paar Kunststücke auszuprobieren. Schnell anfahren, Lücken gekonnt nutzen, Stoppen, Halten ohne Umzufallen, nicht an der roten Ampel halten müssen, sondern die Geschwindigkeit genau so anpassen und den Beginn der Grünphase ahnen, dass es weiterging, ohne einen Fuß auf den Boden stellen zu müssen.

Die kleinen Freuden eines Fahrradfahrers eben. Im freitäglichen Feierabendgewühl.

Auf dem Weg zum Toilettenpapier kamen die ersten Tropfen aus einem ansonsten blauen Himmel. Jedenfalls war er das vor fünf Minuten noch gewesen. Bei den Tropfen blieb es nicht. Es wure ein Raunen. Dann ein Stöhnen. Dann brach der Himmel zusammen, als schütte er eimerweise Dung über der Stadt aus. Immerhin war es noch kein schwüler Sommerregen sondern einer mit frischem Frühlingsgrasgeruch. Die Art Regen, durch den er mit dem Fahrrad am liebsten fuhr. Nicht unbedingt mit zehn Rollen Klopapier auf dem Rücken. Doch die steckten zum Glück in einem überdimensionierten Kondom aus nicht verwertbarer Folie. Sie würde später in der Gelben Tonne landen. Doch wohin würde sie gefahren?

Er jedenfalls fuhr dann noch zum Gartencenter. Immerhin ist am Sonntag Muttertag. Es sollte kein einfallsloser Blumenstrauß sein. Sondern etwas nachhaltiges. Wenn schon die Folie um das Klopapier, dann wenigstens jetzt eine robuste Pflanze, die nicht im Herbst bereits einging. Es sollte etwas sein, an dem sich auch ihre Bienen würden erfreuen können. Es wurde eine Petunie mit violetten Trichterblüten. In der Wohnung stank sie bestialisch. Doch das sollte sich erst später herausstellen. Als es zu spät war. Immerhin würde die Petunie bei seiner Mutter im Freien hängen. Nicht im Innenbereich. Schon wegen der Bienen.

Auf dem Rückweg regnete es nicht mehr. Es gab kein Hinternis, außer eine einzige Auto-Stampede, die an jeder Ampel zum Halten kam, während er als Radfahrer beständig grün hatte.


        © Dominik Alexander / 2023

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