Purpursonne

Die Sonne tanzte auf den Fliesen zu seinen Füßen herum. Sie war doppelt, innen violett und an den Rändern hellgrün ausgefranst. Weil er Sekunden vorher nur ganz kurz in die richtige Sonne geschaut hat. Unabsichtlich. Unbewusst. Es passierte einfach. So wie schon ungezählte Male zuvor. Irgendwann würde er es bereuen. Aber heute hatte er mit etwas anderem zu kämpfen.

Es war die Dorschleber gewesen. Ganz sicher war es die Dorschleber gewesen. Wenn er sich auf seinen Geruchssinn verlassen konnte. Bei den vielen Malen, die er heute nicht ganz bei sich auf dem Klo gewesen war.

Nicht ganz bei sich hieß so viel wie halb auf Droge, dehydriert, schläfrig, ein zum Platzen gespannter Schädel, Herzrasen.

Will war den ganzen Tag zwischen Küche, Wohnzimmer, Bad und Schlafzimmer gewechselt. Am Vormittag hatte er noch in einem Buch gelesen. Die ersten siebzig Seiten in einem Rezensionsexemplar. Dazu ein Müsli mit einem Apfel und Mandeln, die gestern bereits etwas schimmlig geschmeckt hatten. Der Apfel hatte kleine braune Stellen.

Waren es die Mandeln gewesen? Der Apfel? Die Kombination aus beidem? Oder Mandeln, Apfel und Dorschleber? Vielleicht hatte sein Körper noch mit der Dorschleber zu kämpfen, bekam es gerade noch so hin. Und dann kamen Mandeln und Apfel dazu. Das war zu viel gewesen.

Das musste es gewesen sein.

Draußen war es den ganzen Tag über grau. Ab und zu regnete es. Kein Spaziergehwetter. Dann kreiste ein Hubschrauber über seinem Haus. War ein ausgebrochener Straftäter unterwegs? War eine Demonstration im Gange? Später hörte Will im Radio, dass im nahegelegenen Gerichtsgebäude heute der Prozess um den Einbruch im Grünen Gewölbe mit dem Urteilsspruch endete. Massive Sicherheitsvorkehrungen gehörten dazu, inklusive kreisendem Hubschrauber.

Vielleicht war es auch das Kassler gewesen. Oder die totgekochten Bohnen. Oder eine Kombination aus beidem.

Will mochte kein Schwein. Das war nichts religiöses. Er mochte den Geschmack nicht. Aber Kassler war okay. Das ging geschmacklich halbwegs in Ordnung. Zu Hause warteten noch zwölf Eier im Kühlschrank auf ihn, die auch schon länger dort warteten. Da wollte er keine Extrawurst in Form eines Spiegeleis haben. Aß brav seine zugeteilte Kasslerscheibe. Und das war in Ordnung. Fand aber vielleicht sein Körper nicht.

Doch das Kassler fand am Sonntag statt. Zum Muttertag bei seinen Eltern. Heute war Dienstag. So lange dauerte das doch nicht, oder?

Hin und zurück mit dem Zug. Vielleicht war es auch das gewesen. Irgendeine Form von Corona? Immerhin trug jetzt niemand mehr Maske. Aber nein. Es musste irgendein Lebensmittel gewesen sein. Garantiert war es eine Lebensmittelvergiftung.

Gelesen hatte er noch im Wohnzimmer auf dem Sofa. Für frische Luft auf dem Balkon war es zu kalt, zu nass, zu laut. Doch dann schlich sich das flaue Gefühl in seinen Magen, von dort in seinen Kopf, dann wieder hinunter, noch weiter, bis Wills Beine sich wie Pudding anfühlten.

Zweimal war er ins Bett gewechselt. Zuerst kurz nach Mittag, als er daran gedacht hatte, dass es Zeit wäre, nach dem Müsli wieder etwas zu essen. Allein von diesem Gedanken zog sich sein Magen zusammen. Und nach dem Klo ging er ohne sich auszuziehen ins Bett. Lag dort bis etwa zwei Uhr. Wechselte dann nach dem Klo wieder ins Wohnzimmer. Dort wurde es wieder schlimmer. Und nach dem Klo ging er wieder ins Bett. War dort von vier bis sechs. Bekam schließlich Hunger und hielt das für ein gutes Zeichen.

Was es auch war.

Nach dem Klo ging er in die Küche, machte sich einen Tomatensalat. Ausschließlich aus Tomaten. Dazu zwei Scheiben Knäckebrot mit Frischkäse und irischem Cheddar. Dazu einen halben Liter grünen Tee. Dazu las er weitere vierzig Seiten in dem Buch.

War es das Buch? Nein. Da stand nichts von irgendwelchem Essen.

Immerhin kam die Sonne jetzt nochmal raus. Das Thermometer zeigte sechzehn Grad an. Doch Will hatte geringfügig Hypothermie. Da fühlten sich die sechzehn, später siebzehn Grad Außentemperatur auf dem Balkon in der prallen Abendsonne beinahe ideal an. Bis er nur ganz kurz in die Sonne schaute, ins Wohnzimmer ging, die Balkontür schloss, aufs Klo ging und die beiden violetten Sonnen mit ausgefransten hellgrünen Rändern vor sich auf den Fliesen sah.


        © Dominik Alexander / 2023

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