Das Schweigen ist heute ein langes Schweigen

Atzbacher hält seinen üblichen einführenden Monolog. Dann bittet er die überwiegend stehenden Zuschauer in den übernächsten Saal. Sie setzen sich in die bereitgestellten Stühle. Atzbacher setzt sich an die Stirnseite der braunledernen Sitzbank.

Reger sitzt bereits. Auf der breiten Seite der Sitzbank.

Dann kommt das Schweigen. Das diesmal ein sehr langes Schweigen ist. Beinahe hätte ich hinzugesetzt: naturgemäß. Denn dieses Schweigen und damit diese Aufführung ist die fünfundsiebzigste, die bereits Mitte März 2020 hätte stattfinden sollen. Wir wissen alle, weshalb es damals nicht dazu kam. Das Wort mit C, das heute kaum noch jemand auszusprechen wagt. Beinahe klingt es wie ein Fluch, wenn es doch jemandem über die Lippen geht.

Corona. Das klingt beinahe so anrüchig wie Dürer, Heidegger oder Bratpfanne.

Das Schweigen ist heute ein langes Schweigen.

Zunächst mache ich, was ich während des Schweigens immer mache: Ich schaue mir die anderen Zuschauer an. Jeden einzelnen touchiert mein Blick. Es sind wie immer meist ältere Leute. Die Nichtfarbe Schwarz überwiegt. Doch ich erkenne im Gesamtbild auch einige grüne Flecken. Nichts Blaues – außer der Uniform von Irrsigler, den die meisten Zuschauer noch nicht als Irrsigler erkennen. Aber das ist ein dunkleres Blau, ein tiefgründigeres, beruhigenderes – friedfertigeres.

Dann nutze ich das Schweigen, um die Gemälde zu betrachten. Zu meiner Linken schaut mir Jesus direkt ins Gesicht; zu meiner Rechten erkenne ich einen Lichtfleck im sonst makellosen Hintergrund; im vorigen Saal ergibt der Schatten unter einer Frauenbrust ein unschönes Dunkel, das den Gesamteindruck stört.

Das Schweigen hält an.

Erst da werde ich mir des Schweigens bewusst und beginne nachzudenken. Ich versuche mir vorzustellen, wie es Mitte März 2020 hier gewesen wäre. Mittlerweile hatte ich aufgehört zu zählen; ich wusste es nicht mehr genau. Aber es könnte sein, dass es meine fünfundzwanzigste Vorstellung gewesen wäre.

Von den Alten Meistern kenne ich mittlerweile beinahe jedes Wort. Ich freue mich jedes Mal auf die Heidegger-Passage. Das ist mein Höhepunkt. Dann auf den Moment, wenn der Engländer gegangen ist und Reger seine Bestürzung in wildem Gebrabbel zum Ausdruck bringt.

Doch es sind nicht nur die heiteren Momente, die entzücken. Es sind vor allem Thomas Bernhards prophetische Worte, die bedrücken. Wenn er von der Politik schreibt, von der Kultur, von Herrschaften und überhaupt Menschen mit Geld und sogenanntem Einfluss. Im März 2020 hätte ich all das auch genossen; es hätte mich berührt; wäre mir bei den politischen Sätzen verstanden vorgekommen. Doch heute war all das noch unmittelbarer; noch wahrer; noch bestürzender; ganz nah.

Ist am Ende alles immer nur eine schlechte Zeit? Immer die am schlimmsten, in der wir gerade leben? Wer nachdenkt, heißt vielleicht Heidegger. Aber wer wirklich nachdenkt, kann immer nur verzweifeln.

Doch das Schweigen schwingt weiter und lässt mich wieder im Jetzt ankommen. Mitte März 2020 ist vorbei. Es ist Ende September 2023, und endlich kann es die fünfundsiebzigste Vorstellung der Alten Meister geben. Ich bin im Jetzt, genieße diesen Moment, koste ihn aus mit all diesen fremden und teilweise bekannten Menschen, unter diesen fehlerhaften Gemälden, die auf ihre Art natürlich trotzdem wunderbar sind.

Ich danke Albrecht Goette für dieses lange Schweigen. Es war für mich der berührendste Moment während dieser ersten Veranstaltung der Alten Meister seit über drei Jahren. Und ich beglückwünsche Albrecht Goette für seine fünfzig Jahre auf der Bühne des Staatsschauspiels Dresden.


        © Dominik Alexander / 2023

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