Wenn ich umziehe, führen mich meine ersten neuen Erkundungswege auf die umliegenden Friedhöfe. Immerhin bin ich Historiker: Ich möchte gerne wissen, wer vor mir hier gelebt hat. Gibt es bekannte Menschen? Wie haben sie ihr Nachleben zelebriert? Wie über die Grabstellen mit den nach ihnen Lebenden zu kommunizieren versucht?
Friedhöfe sind für andere gruselig; für mich sind sie entspannend und voller unerzählter Geschichten. Es ist schön, nichts zu suchen, aber so vieles zu finden. Vor allem Stille in der trubeligen Stadt. Und dabei in aller Ruhe einer Sache nachzugehen. Beeindruckend sind für mich Familiengräber; bedrückend Kindergräber. Im kalten Stein liegen alle Emotionen verborgen. Wenn man nur lange genug bei einem Grab verweilt, bricht alles aus dem Stein heraus.
Im Dezember 2022 bin ich von der Dresdner Südvorstadt in die Johannstadt gezogen. Ich habe den Alten Annenfriedhof hinter mir gelassen und den Trinitatisfriedhof für mich entdeckt. Schon bei meinem ersten Besuch ist mir hier ein Grab besonders ins Auge gefallen. Wer den Friedhof von der Fiedlerstraße durch den zentralen Eingang betritt und geradeaus weiterläuft, findet die Stelle kurz vor dem runden Andachtsplatz auf der linken Seite.
Als ich das Grab zum ersten Mal sah, war es noch Winter. Die Bäume kahl. Das Licht blass. Vielleicht lag sogar ein wenig Schnee. An diesem Tag hatte ich den Trinitatisfriedhof von der anderen Seite aus erkundet und wollte ihn gerade verlassen. Als ich aus dem rechten Augenwinkel eine gestutzte Birke wahrnahm. Und stand nicht unmittelbar davor ein Kreuz?
Der erste flüchtige Anschein bestätigte sich, als ich – von Neugier getrieben – zur Birke lief. Ihr Stumpf war mannshoch gestutzt und schien sich mit einem Auswuchs am oberen Ende auf dem Kreuz abzustützen. Was am Kreuz Spuren hinterlassen hatte. Denn die Kraft des Holzes hatte den Grabstein ein wenig zur Seite gedrückt. Die Spuren vom ursprünglichen Standort waren deutlich zu sehen. Auf dem Kreuz selbst konnte ich nichts erkennen. Die Winterluft verwehrte jede paläografische Anstrengung. Die Grabplatte war im Laufe der vergangenen Jahre von Moos überwuchert worden. Selbst, wenn hier etwas stand, konnte ich auch das nicht erkennen.
Trotz weniger Indizien und Anhaltspunkte war ich fasziniert. Denn dieses Konstrukt hatte selbstverständlich niemand geplant. Kein Mensch setzt ein Grabmal so eng an einen Baum heran. Also musste ein Sämling direkt dorthin geweht worden sein, als die Steine bereits platziert waren. Und dann hatte es das Friedhofspersonal schlicht versäumt, die gedeihende Birke zu entfernen, als das noch möglich gewesen ist.
Im Laufe der nächsten Monate bin ich noch ein paar Mal an dem eigentümlichen Gebilde vorbeigekommen, ohne dass ich das Phänomen weiter ergründet habe. Doch irgendwann im Sommer 2023 packte mich die Lust auf meine ganz spezielle X-Akte erneut. Ich vereinbarte einen Termin bei der Friedhofsverwaltung. Wenige Tage später standen wir bei bestem Sonnenschein und frischem Grün vor der Kreuz-Birke-Symbiose.
Der Verwalter konnte nichts dazu sagen, weil er selbst erst seit etwa einem Jahr auf dem Trinitatisfriedhof tätig war. Doch nun schaute ich mir das Kreuz etwas näher an. Bei dem günstigen Lichteinfall mit etwas Schatten war tatsächlich Schrift zu sehen. Mein Herz sprang vor Freude. Der Friedhofsverwalter wollte in den alten handschriftlichen Aufzeichnungen unter der Nummer des Grabes schauen, ob sich da Genaueres finden ließ. Also verabschiedeten wir uns für wenig später, während ich versuchte, die eben entdeckte Schrift zu entziffern.
Was mir gelang. Ich las und notierte mir folgendes:
Dein Wille geschehe!
Hier ruhet in Gott
mein edler Mann, unser guter Vater
Curt Richter
Justizamtmann
* 7.12.1882
† 28.5.1932mein Herzensjunge u. sonniger Bruder
Siegfried Richter
* 3.8.1924
† 21.12.1934Α – Christus – Ω
Ein zehnjähriger Junge lag hier also, gemeinsam mit seinem knapp 50-jährigen Vater. In den handschriftlichen Aufzeichnungen fanden sich nur noch zwei weitere Indizien: der erste Vorname des Vaters war Walter. Walter Curt Richter. Und ein Oskar hatte das Grab in Auftrag gegeben. Der ältere Bruder von Siegfried?
Diese Geschichte hat noch kein Ende, keinen Abschluss. Vom Justizamtmann Walter Curt Richter habe ich ansonsten nichts finden können. Doch ich werde weitersuchen. Wer selbst suchen möchte und fündig wird oder jemanden kennt, der Curt Richter kannte, kann sich gerne bei mir melden.
© Dominik Alexander / 2023