Einen Film sehen, ohne zu verstehen
In ein Theaterstück gehen und zuvor nicht wissen, was gespielt wird
Was wird mir da geboten
Ist das in irgendeiner Weise verboten?
Die Zeiten sind heute ganz schön streng
Wenn ich hier gehe, stehe, renn’
Hier spielen das Dasein und die Lust
Verdrängen kann ich meinen Frust
Jedoch erst morgen
Und Sorgen mach’ ich mir schon lang’ nicht mehr —
Es ist ja nicht so sehr
Was mich im Diesseits hält
Es ist vielmehr, was mir am Heute nicht gefällt
Dass ich mir wünsche
Ihr hättet mich im Gestern nur gelassen
Da würde ich zwar auch die Menschen hassen
Doch eben nicht so achtsam
Wie das aktuell an jeder Straßenecke beschworen
In einer Sprache
So grenzenlos und abgrundtief unausgegoren
Dass man nur kotzen kann —
Wo sind die Tapferen
Die nicht nur nach dem Munde reden
Die auch noch wissen
Dass man Tugend nicht besiegen kann
Die Blöden in ihren öden
Tobsuchtsfantasien
Tief unten im Trog der billigen Gesellschaft
Dort, wo das Leid gefeiert wird
Wo Meineid nichts mehr zählt —
Wozu auch
Wenn doch Geld die Welt regiert?
Suhlen sich im Blut der Möglichkeiten
Alle mit einer Halbwertzeit eines mittleren Shitstorms —
Die einen merkeln aus
Die andern merzen aus
Nebenbei spült sich der Sumpf nach oben
In großen Blasen gebiert er die nächste Eruption
Während die vorige Revolution
Im Sande verläuft —
Gerade noch habe ich ein Theaterstück gesehen
Das zum letzten Mal gespielt
Zum letzten Mal gesehen werden kann
Ich verstehe warum
Gehe jedoch nicht während der Pause
Nach Hause
Wie alle anderen Besucher aus meiner Reihe Acht —
Ich gehöre noch zu denen
Die etwas aushalten wollen
Bis zum bitteren Ende
Außerdem habe ich dafür bezahlt
Das ist es mir wert
Auch alles mitzunehmen
Ob es mir gefällt oder nicht.
© Dominik Alexander / 2024
© 383961 (image)
Ich bin mir nicht sicher, ob ich das heute auch noch so sehe, aber in meinen jüngeren Jahren war es selbstverständlich, sich auf z. B. Theaterstücke oder Filme einzulassen, von denen man im Vorfeld keine Ahnung hatte, was einen erwartet. Das war doch Sinn der Sache, auf Unbekanntes zu stoßen. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass man heute meist wissen will, was einen erwartet. Staffeln im Fernsehen – da weiß man was kommt. Und doch eine kleine Prise Überraschung. Halt nicht zuviel davon, sonst gibt’s kein “like”.
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In dem Fall waren es einige Ältere, die in der Pause gegangen sind. Aber ich denke auch, dass die Algorithmen unserer Zeit das Nutzerverhalten in genau diese Richtung verlagern: hin zu noch mehr Mainstream und Konformität. Andererseits vermisse ich manchmal das tiefsinnig Zweideutige, das, wo man noch selbst darüber nachdenken muss, wie etwas gemeint sein könnte oder interpretatorisch so viel Spielraum lässt, dass jeder etwas anderes für sich mitnimmt, je nachdem, was die eigene Biographie mitbringt. Das Stück, in dem ich war, war albern, grotesk und “in your face” politisch, hatte jedoch auch einige sehr gute Facetten, z.B. Torsten Ranft als Hauptdarsteller.
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Ja, Schmarren bleibt Schmarren und ich kann schon verstehen, dass man aufsteht und geht. Ich hatte das große Glück, einen Freundeskreis zu haben, der sehr unterschiedlich gestrickt war. Linke genauso wie Konservative. Nach dem Film ging’s zum Wirten und dann wurde stundenlang darüber diskutiert und gestritten und das war der eigentliche Mehrwert des Events, seine eigene Sichtweise zu artikulieren und gleichzeitig durch den Diskurs zu wachsen. Worüber sollte es sich lohnen über Blockbuster oder aufgemotzte, inhaltsleere Phantasymachwerke zu unterhalten? Meine letzten Erfahrungen punkto Theater waren nicht besser. Auf das Publikum zurechtgetrimmtes Zeug ohne Seele.
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