Mittlerweile vergeht kaum noch ein Tag ohne KI-Werbung. Sei es, dass einem irgendein KI-Produkt in den Insta-Feed gespült wird oder dass mir im neuen Browserfenster eine No-Name-Firma erzählt, dass ihre KI irgendwas ganz schnell und effizient für mich erledigt. Dann soll ich E-Mails schreiben lassen, weil nur eine KI so empathisch und defensiv formulieren könne, dass sich kein Empfänger diskriminiert oder nicht wertgeschätzt fühlt. Oder ich soll lange, komplizierte Texte kürzen lassen, weil ich sie nur so verstehen könne.
Scheinbar geht man mittlerweile vom DAU aus, also vom Dümmsten Anzunehmenden User. In meiner Weiterbildung zum Technischen Redakteur hatte ich noch gelernt, dass man ein Mindestmaß an Intelligenz voraussetzen sollte, da sich der Rezipient sonst als dumm verkauft vorkommen könnte. Bei mir hat das dann eben diesen Effekt: Ich blocke die No-Name-Firma, wo mir das möglich ist. Danke, ich schreibe meine E-Mails selbst. Außerdem liebe ich es, lange und komplizierte Texte zu lesen.
Andererseits nutze ich durchaus ab und zu ChatGPT. In letzter Zeit ist das tatsächlich weniger geworden, denn der Reiz des Neuen verfliegt bei mir üblicherweise recht schnell. Doch beim Verfassen von Texten gibt es durchaus Anwendungsgebiete, bei denen KI sinnvoll sein kann. In meinem Fall war das ein Interview mit einem (fiktiven) Richter.
Aktuell begleite ich wieder ein Verfahren im Zuschauerraum, bei dem es um ein getötetes Kleinkind geht. Ich schaue mir das teilweise auch als Schöffe an, um Einblick in belastende Verfahren zu bekommen, vor allem aber darüber, wie sich Kammer, sonstige Verfahrensbeteiligte, Zeugen, Pressevertreter und Zuschauer verhalten. Da mich als Schöffe die Position eines Richters besonders interessiert, ich ihn aber zu laufenden Verfahren nicht befragen darf, habe ich das einfach mit ChatGPT gemacht.
Und das nicht nur des Interviews wegen. Sondern auch aus dem Grund, weil viele Menschen noch immer glauben, dass LLMs, also Large Language Models, wie ChatGPT Texte generieren würden, die leicht identifizierbar seien. So wie kürzlich bei einer Rede des Thüringer Ministerpräsidenten. Aufgefallen war es auch nur, da in der Rede fiktive Zitate vorkamen, die ChatGPT einfach erfunden hatte. Und es gibt weitere Merkmale, die für die Verwendung textgenerierender KI sprechen, insbesondere Alliterationen, Substantivierungen und kein besonders variantenreiches Vokabular. Inhaltlich ist es vor allem die oft sehr euphemistisch gehaltene Sprache, die vorsichtige Formulierungen verwendet und scheinbar keinen menschlichen Leser verletzten soll.
Mein Interview mit einem (fiktiven) Richter habe ich also durchaus an einigen Stellen überarbeitet. Viel Arbeit war jedoch nicht nötig. Die Fragen stammen allerdings alle von mir. Zudem mag es bei ChatGPT eine gewisse Vorprägung hinsichtlich juristischer und philosophischer Art aus früheren Chats mit mir geben. Zu etwa achtzig Prozent stammen die Antworten jedoch von ChatGPT respektive dem, was das Programm sich aus dem Internet geholt und verarbeitet hat.
Der ersten Interviewfrage habe ich noch einen generellen Prompt vorangestellt, in dem ich ChatGPT die Rolle erklärt habe, die das Programm für das Interview übernehmen soll. Diesen Prompt gebe ich hier nicht wieder.
Das Interview befindet sich auf Seite 2 dieses Artikels.