Auch Erwachsene steigen in Pfützen

Auch Erwachsene steigen in Pfützen
Wenn sie mit ihren Mützen
Auf dem Kopf
Ihre Schuhe vom Straßendreck befreien.

Das Leben könnte so einfach sein. Wir nehmen das, was wir haben, was uns zur Verfügung steht und machen das beste daraus. Nicht das Bestmögliche, sondern das, was jeder daraus am besten machen kann. Ohne Verrenkungen. Ohne Anstrengung. Vor allem: ohne Burnout.

Im ersten Coronajahr 2020 war ich in einer Weiterbildung. Von Februar bis September hockten wir in einem virtuellen Klassenraum. Zuerst in den Räumen der Schule, dann im Homeoffice. Wer sich weiterbildet, tendenziell also neu anfängt, will entweder im Leben abbiegen oder seine Reste aufsammeln und irgendwann weitergehen. Burnout war ein Begriff, den ich damals zum ersten Mal unmittelbar erfahren habe. Nicht am eigenen Leib. Aber durch Berichte eines Mitstudenten.

Ein ganzes Jahr hatte er verloren. Hat dabei versucht, sich selbst nicht zu verlieren. Und hat sein Heil in Entschleunigung gesucht.

Als ich gestern mit meinem neongrünen Regenschirm auf meinem Spazierweg in die Neustadt war, musste ich an ihn denken. Ich habe mich gefragt, ob er jetzt zufrieden ist. Ob ihm Corona einen weiteren Burnout beschert hat. Oder ob er sich seine Gelassenheit bewahren konnte.

Zum ersten Mal gedacht habe ich an ihn, als ich gerade aus meiner Wohnung heraus auf die Straße gegangen bin. Den Müll noch schnell weggeschafft. Dann den Schirm aufgespannt. Die Regentropfen klopften direkt rhythmisch auf das schrille Grün. Es klang wie eine dieser beruhigenden Geräuschkulissen in diesen Meditations-Apps. Dennoch angenehm. Nur ein paar Schritte weiter hörte ich den Regen schon nicht mehr. Denn meine Sinne waren anderweitig beschäftigt.

Zwei Mütter standen mit ihren Kinderwagen auf dem linken Gehweg. Ein kleines Kind in unmittelbarer Nähe. Ein kleines Stück weiter eine unvermeidliche Pfütze. Was folgte, war vorhersehbar. Dennoch musste ich lächeln, als meine Erwartungen erfüllt wurden – vielleicht sogar deshalb: Das Kind nahm wenige Schritte Anlauf und sprang mit seinen kleinen Gummistiefeln mitten in die Pfütze hinein, dass es spritzte. Ebenso erwartbar war, dass die Mutter es mahnte, es solle das unterlassen. Entweder hörte es die Mutter nicht oder derartige Befehle waren bereits zuvor ohne Konsequenzen verhallt. Das Kind patschte jedenfalls fröhlich weiter.

Meine Laune war trotz Regen auf einen Schlag grandios.

Als ich zurückkam, regnete es noch immer. Es war einer dieser Aprilregen: nicht sehr stark, dafür durchgehend und von einer Nässe, die die Haut heraufkroch. Und die Socken, wenn man nicht so tolle Gummistiefel hat wie das Kind zuvor. Die Frau, die ich irgendwann einholte, hatte normale Halbschuhe an. Da bleibt es bei diesem Wetter nicht aus, dass irgendwann eine Schicht Schlamm die Sohle bedeckt. Gerade, als ich sie überhole, steigt auch sie in eine Pfütze. Anders als das Kind springt sie nicht. Das wäre zuviel des Guten gewesen. Stattdessen taucht sie die Schuhe behutsam ins Nass und versucht, sich den Schlamm abzuspülen.

Ich musste an meine Oma denken, die im ersten Coronajahr verstorben ist. Denn ich konnte mir gut vorstellen, dass sie das ebenso pragmatisch gehandhabt hätte. Die Schuhe sind dreckig. Da ist eine Pfütze. Weshalb nicht beides zusammenbringen? Und sich das spätere, mühsame Schrubben sparen?

Meinetwegen hätte die Frau auch in die Pfütze springen können. Ich hätte nichts gesagt. Hätte aber vielleicht mitgemacht. Was früher spaßig war, ist es schließlich immer noch. Es hilft ja nichts, die Gelegenheit zu sehen, sie aber nicht wahrzunehmen. Nur, weil früher eine Mutter gesagt hat, das gehöre sich nicht.

Am Ende hilft bei allen Entscheidungen die Beantwortung einer Frage: Tue ich jemandem weh, wenn ich es mache?


        © Dominik Alexander / 2023

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