Das rote Licht auf der anderen Straßenseite

Durch den Regen hindurch hört er nachts immer ihre Schreie. Dann bellt ein Hund. Dann ist wieder alles still. Nur der Regen spült den täglichen Müll von der Straße. Am nächsten Morgen liegt der Nebel wie eine Bettdecke über dem nächtlichen Schmutz. Dann schläft die Frau von gegenüber. Wie bereits seit dem frühen gestrigen Abend verschließen Vorhänge die Sicht aufs Innen. Nichts leuchtet mehr. Hier gibt es keine Farben. Da ist nur überall das Morgengrau. Kein Morgenrot; das gibt es erst wieder am Abend.

Am zweiten Abend regnet es nicht. Dafür leuchten nun vier Fenster in unterschiedlichen Farben. Wenn er aus dem Fenster schaut, sieht er sie schräg unten an der Eckseite des gegenüberliegenden Hauses. Er müsste hinaus und über die Straße gehen, um hineinzuschauen. Also bleibt er in seiner Wohnung und schaut weiter auf das Licht im roten Fenster, im grünen Fenster, im blauen Fenster und im leise flackernden gelben Fenster.

Es ist elf Uhr vorbei. Er überlegt sich, ob er noch etwas essen sollte. Im Grunde ist es für sollen natürlich zu spät – außer, er käme gerade von einer Spätschicht – also verlagert sich das Bedürfnis hin zum wollen. Doch da will er schon nicht mehr. Er hat die Jalousien nach unten gezogen, um die Nacht auszusperren. Und die Lichter. Wieso die Lichter? Vielleicht, damit er die Schreie nicht mehr hört. Oder den Hund.

Am dritten Morgen leuchtet das rote Licht noch, als er aus dem Haus geht, als es noch dunkel ist. Es flackert leise, so wie gestern das gelbe Licht, das nun nicht einmal mehr leuchtet. Scheinbar ist alles vergänglich – sogar ein gelbes Licht. Vielleicht ist es auch ein Ritual: Bevor ein Licht verlischt, flackert es noch eine Weile vor sich hin und gleitet schließlich ganz hinüber ins Nicht-Sein für den Tag. Neben dem gelben leuchtet auch das grüne und das blaue Licht nicht.

Und so, wie er es sich schon dachte, verschwindet auch das rote Licht beim ersten Strahl der Sonne auf diesen Flecken Erde. Hinter allen vier Fenstern erkennt er die dunklen Jalousien. In der ganzen Straße leuchtet nun kein Licht mehr in den Fenstern. Nicht einmal Nebel liegt auf der Straße. Kein Licht; kein Bett – kein warmer Mantel der Natur. Es ist kalt geworden. Hier draußen; dort drinnen. Er dreht sich um und geht in den neuen Tag hinein.


        © Dominik Alexander / 2023
        © Barbara Jackson (image)

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