Vielleicht war es die vierfache Impfdröhnung
Von vor wenigen Tagen
Die mich
Wie soll ich es anders sagen
Davon abhalten wollte
Heute nach Leipzig zu fahren
Am so ausgerufenen Tag X
An dem ich eigentlich schon krank war
Mich aber dennoch dem Regionalzug aussetzte
Sogar —
Am Tag X nach Leipzig
Auf stählernen Gleisen
Das soll heißen:
Wir markieren die Stadt
An ausgewählten Orten
An die ihr mit euren Hundertschaften
Gar nicht denkt
Wir schaffen als Guerillaarmee
Was ihr euch nicht traut
Wir versauen euch das geruhsame Wochenende
Denn eure Zeitenwende
Seien wir mal ehrlich
Ist doch echt für’n Arsch!
Am liebsten würde ich mit euch gehen
Wenn ihr gegen Dinge protestieren würdet
Die wirkliuch skandalös sind
Wie die beiden Vollpfosten
Sachsen, wie sie die ursprüngliche Zeitenwende (unserer Zeit)
Die von Neunzehnhundertneunundachtzig
Nie herbeigeführt hätten
Sie aber leider hervorgebracht hat
Einer Blondie und ein Proll
Die sich gegenseitig mit den größten Burger King-Menüs füttern
Die es zu kaufen gab
McDonald’s ist ja schon schlimm
Aber zu Burger King geht der Abschaum
Stereotyp wie die beiden Exemplare
Die sich in Dresden-Neustadt in meine Vierergruppe setzen mussten
Bei denen nichts angekommen ist
Was die Gesellschaft aktuell zu ändern versucht:
Gesündere Ernährung
Weniger Abfall
Mehr heimische Produkte
Weniger Dumpinglöhne
Weniger Ausbeutung am Arbeitsplatz
Die fressen ihre Burger und Fritten
Trinken ihre süßen Shakes
Um elf Uhr am Vormittag
Abends fährt der Typ ins Fitnessstudio
Wo sich sein Fettbauch
Wo sich sein Bierbauch
Auch nicht mehr wegtrainieren lassen —
Als sie mit ihrem Menü fertig sind
Hängen beide an ihren Smartphones
Sollten die beiden je smart gewesen sein
Haben sie das an ihre mobilen Gehirne ausgelagert
Natürliche Auslese funktioniert leider nicht immer
Aber das schöne ist:
Ich könnte sie zu Dokumentationszwecken fotografieren
Sie würden es nicht bemerken —
Beginnt also mein persönlicher Tag X
Bereits im Zug von Dresden nach Leipzig?
Wird es danach besser
Oder noch schlimmer?
Kommen zum Burgergestank
Und zum verbalen Pingpong
Wie weit es wohl zur nächsten Toilette ist
Weil die naheliegende defekt ist
Noch Schläge
Überwachung
Straßenblockaden
Geweglagerfeuer
Schikanen
Durch die Polizei
Durch die Linksextremen
Die mich beide nicht als Ihrigen betrachten
Weil ich mich weder kleide noch gebe
Als gehörte ich irgendwo dazu?
Immerhin macht man das doch heute so:
Mit Kleidung, Make-up und Accessoires
Steckt man sich selbst in eine Schublade
Damit man von anderen in eine andere gesteckt wird
Der Unterschied ist Selbstbestimmung
Aber nicht Freiheit
Die fehlt bei beiden Kategorisierungen —
Sich nicht zuordnen
Sich nicht zuordnen lassen
Das ist Freiheit
Macht aber auch wählerisch
Zuweilen einsam —
Ob sich die beiden Vollmeisen
Später über mich unterhalten?
Das schöne ist:
Sobald ich aus dem Zug steige
Werde ich sie vergessen haben
Weil ich mir meinen Frust über sie schon aus der Seele geschrieben habe —
Dem Herrn der wohlbeleibten Schöpfung prangt ein gelber Dynamo-Dresden-Schriftzug auf der fettleibigen Brust
Wahrscheinlich gehören beide zur rechten Abordnung gegen den linken Protest
Deshalb die Burgernahrung
Mit stinkendem Windhauch wollen sie die veganen Fleischmuffel wegblasen —
Was es heute schon an schönem gab:
- erstens: ein zwitschernder, grüner Großer Garten
- zweitens: die grüne Lok am Dresdner Hauptbahnhof
- drittens: viel rot blühender Mohn an Sachsens Bahndämmen
- viertens: die Wetter-App auf meinem Mobilfunkgerät (MFG) spricht von einem doch nicht so heißen Tag wie noch vor Tagen angekündigt
- fünftens: mein neues MFG besitzt eine Leica-Linse, die mir später gewiss gute Dienste leistet
Tag X in Leipzig
Bei jedem Nachrichtenblock im Deutschlandfunk wurde gewarnt
Man solle nicht
Wenn es sich irgendwie vermeiden ließe
Nach Leipzig fahren
Im Osten, Süden und Westen
Oben, unten, rechts und links
Würde stichprobenartig von der Polizei:
kontrolliert
ausgesiebt
zurückgeschickt
weggesperrt
u-haftiert
verhandelt
knastiert
Wir kennen das von G20 in Hamburg!
Nach Connewitz will ich nicht
Aber nach Miltitz
Das liegt zwar im Westen
Aber weit genug weg von der großen Sause —
Immerhin habe ich bereits einen Teilerfolg errungen:
Das Assipack hat sich von mir weggesetzt
Vielleicht war ich zu wenig kategorisierbar
Oder schlimmer:
Die ganze Zeit keimte in mir der Verdacht
Dass der männlichere von beiden mein ehemaliger Assinachbar war
Im Dezember bin ich von ihm weggezogen
Jetzt er von mir
Beide Male eine gute Entscheidung
Für die Prolls
Hat sich nun ein anderes Paar zu mir gesellt
Jünger, ruhiger, weniger aufdringlich
Beide hängen an ihren MFGs
Als gäbe es kein Morgen
Er: rückengekrümmt
Um die Evolution umzukehren
Sie: mit Kopfhörern auf dem Kopf
Und einem jugendlichen Weltleiden im Gesicht —
Die Ökofrau in der Fünfergruppe neben mir
Hat eine zehnjährige Tochter
Die ihre nackten Füße
Über drei Sitze hinweg
Zum Gang hin ausbreitet:
Ich hasse Füße!
Auch wenn Kinderfüße nicht ganz so stinken
Wie ein Burger King-Menü
Ist mir ihr Anblick dennoch ein Graus:
Ich will hier raus!
Mal wieder
Habe ich genug
Ein Graffiti an einer Unterführung am Bahnhof Kühren
Wünscht mir ein Frohes Fest:
Das versetzt mir den Rest!
— —
Tag X fand hauptsächlich am Hauptbahnhof statt
Das Stadtfest war bunt
Auf dem Augustusplatz
Vor dem Gewandhaus
Roch es nach Zuckerwatte
Während weiter draußen in Miltitz
Die Gräser lockten
Tränen von Grassamen
Nicht von Wasserwerfern oder Pfefferspray
Die Natur weiß sich schon zu wehren
Da braucht es keine Freitage
Oder billigen Klebstoff
Der sich mit Cola so leicht lösen lässt
Dass blutige Hände nicht nötig sind —
Doch um die Natur geht es den Aktivisten gar nicht
Ihnen geht es um die Menschen
Dass sie das Klima überleben mögen
Weil sie in ihrem Irrglauben davon ausgehen
Dass die Natur das nicht selbst regeln kann
Sobald es die Menschen nicht mehr gibt
Was Umweltschützer wollen
Ist nicht, die Umwelt zu schützen
Sondern die Menschen
Die Natur soll langsamer zerstört werden
Damit die Menschen eine höhere Chance haben
Sich anzupassen
Was Asimov beschleunigen wollte
Will die Letzte Generation aufhalten
Beides sind Utopien
In der Realität nicht umzusetzen —
Doch während Asimov eine Fiktion beschrieb
Ist der Glaube der letzten Menschen fatalistisch
Beiderseits ist das Denken alternativlos —
Während die Mitte wie das Reh vor dem Scheinwerfer steht
Und nicht einmal mehr abwägt zwischen rechts oder links —
Alles soll einfach nur so bleiben wie es ist
Also so, wie es nie war.
© Dominik Alexander / 2023