Vielleicht wäre am Ende alles gar nicht so schwer geworden, wenn… Gogol seufzte. Er hieß nicht wirklich Gogol. Doch den anderen hatte er sich so vorgestellt. Vielleicht war auch das ein Fehler gewesen. Immerhin hatte er mit Literatur nichts am Hut. Andererseits ahnten die anderen sicher, dass er nicht wirklich Gogol hieß. So wie die anderen nicht Puschkin, Trotzki, Apostata und erst recht nicht Napalm hießen. Ganz sicher waren sie eine seltsame Truppe. Doch vielleicht war genau das das unauffälligste an ihnen.
Seit der alte Holzstuhl unter ihm zusammengebrochen war, lehnte Trotzki halb lümmelnd über seiner Kaffeetasse auf dem noch älteren Holztisch. Vielleicht, wenn er den Kaffee schnell austrinken würde… Selbst dann hatte er Übergewicht und würde auch den Tisch bald zum Nachgeben veranlassen. So nahm Trotzki seine Kaffeetasse, trank einen Schluck und lehnte sich dann an die Wand.
Vielleicht hätte es leicht sein können. Am Ende. Ohne Gogol. Diesen Nicht-Schriftsteller. Überlegte Apostata und wühlte sich die dunklen Locken aus dem Gesicht. Ein Streifzug hätte genügt, und sie hätten ihn zurücklassen können. Jetzt saßen sie hier und warteten darauf, dass Trotzki auch den Tisch zum Einsturz brachte.
Derjenige, von dem sie alle gar nicht ahnten, dass er sich mit ihnen im Raum befand, war Napalm. Er hockte in der dunkelsten Ecke und hatte bisher kein einziges Wort gesagt. Hatte kein Getränk beansprucht. Keinen Bissen Brot gewollt. Scheinbar war er recht anspruchslos. Oder vielleicht schon tot? Puschkins schmale Augen fielen auf den Kameraden. Ihre Blicke trafen sich, sagten etwas und wendeten sich wieder voneinander ab.
Vielleicht sollten wir uns trennen, flüsterte Apostata und behielt auch dabei Trotzki im Auge, der wiederum das wenige Essen in ihrer aller nächsten Umgebung taxierte.
Gute Idee, war es denn auch Trotzki, der ihm antwortete, freilich ohne ihn anzuschauen. Ich bleibe hier. Ihr peilt die Lage.
Lage peilen ist Schwachsinn, zischte Puschkin. Es geht ums Jetzt oder nie.
Vielleicht… setzte Gogol an, verstummte jedoch sofort wieder.
Ja? Niemand sagte es, doch alle Blicke waren nun auf ihn gerichtet. Ihm gehörte alle Aufmerksamkeit. Sogar die von Trotzki. Und Napalm.
Vielleicht…
Da brach der alte Holztisch zusammen und Trotzki stellte stöhnend die leere Kaffeetasse zum Brot in der Spühle unter dem Kellerfenster, durch den der Nachtmond etwas Sonnenlicht schickte.
Alle anderen nahmen das Unheil geräuschlos hin. Der Tisch machte bereits genug Lärm. Und warteten auf die unweigerlich wieder einsetzende Stille. Warteten noch eine Weile, bis sie sicher sein konnten, dass sie keinen Wachposten aufgeschreckt hatten.
Vielleicht… vieles kann leicht sein, wenn es in kleine Portionen geteilt wird, versuchte Gogol schließlich, seine Überlegungen in Worte zu kleiden. Vielleicht so, wie es auch der andere Gogol getan hätte. Nicht eine schwere Sache, sondern viele leichte.
Schwachsinn, Schwachsinn war Puschkins Lieblingswort, dessen Verlautbarung er auch hier für angebracht hielt.
Einmal überrumpeln und durch; anders geht es nicht, pflichtete ihm Napalm aus seiner Ecke bei.
Also lebte er doch noch. Der ganze Mensch. Nicht nur die Augen. Puschkin war sich nicht sicher, ob er beruhigt sein sollte. Immerhin war Napalm der einzige, der auf seiner Seite stand.
Also machen wir es so; raus und davon. In die Freiheit und weg.
Vielleicht…
Ja, Gogol? schnappte Puschkin nach ihm. Die anderen duckten sich augenblicklich weg.
Vielleicht sollten wir das demokratisch entscheiden. Ihr seid nur zwei. Auf meiner Seite stehen drei…
Demokratie ist Schwachsinn, wenn Schwachsinn die Mehrheit hat, biss Puschkin zu und konnte sich so der Mehrheit sicher sein.
Vielleicht ist demokratisch. Abwägen, Alternativen finden. Pro und contra. Kompromisse anbieten. Während die Zeit kompromisslos voranschreitet. Je weniger ein Mensch entscheidet, umso schneller. Vielleicht ist Stillstand. Vielleicht ist ein Voranschreiten in ganz kleinen Schritten. Leichte Schritte. Viele leichte Schritte.
Was am Ende von vielleicht steht? Ein immerhin vielleicht? Ein irgendwann? Ein hoffentlich? Vielleicht erinnern wir uns noch daran. Vielleicht auch nicht. Vielleicht ist es uns dann aber auch egal.
© Dominik Alexander / 2023