Flutrinnengalerie

Autos donnern über die Flügelwegbrücke. Daneben senkt sich der Feinstaub ins Gras. Darunter riecht es nach Pisse. Doch das Auge riecht nicht. Es sieht Kunst im Raum.

Der Raum ist eigentlich ein Nicht-Raum. Die Flutrinne ist dazu da, übergriffigem Wasser den Raum zu geben, der ihm der Mensch genommen hat. Einst, vor dem Wachstum der Stadt, als hier noch Peripherie war, das Leben einfacher – aber schwerer. Als die Wäsche direkt am Fluss gewaschen und aufgehängt wurde. Als sich das Leben der Armen am Wasser abspielte und das der Reichen auf Empfängen oder im Krieg.

Unter den Brücken im Flutrinnenbett befindet sich die größte Galerie der Stadt. Die Graffiti sind hier nicht nur wild verstreute Tags. Im Gegenteil: Jedes Piece hat seinen Platz und wird respektiert. Ein großes Piece wird nicht übersprüht. Vor allem, wenn es richtige Kunst ist, wenn man davor stehenbleibt, es betrachtet und mit der Zeit immer mehr Kleinigkeiten entdeckt.

Die Galerie wurde von den Brückenbaumeistern konstruiert, die Brücken bauen wollten und doch gleichzeitig – ohne es zu wollen oder zu wissen – diese avangardistische Galerie.

In der Flutrinnengalerie ist das Publikum jugendlich, bekifft und alkoholisiert. Jugendliche gruppieren sich im Schutz der weitläufigen Ebene, auf den Treppenstufen zu Füßen der Brücken oder in der Nähe der Böschungsbepflanzungen. Google Maps zeigt hier einen Wanderweg an, auf dem auch Radfahrer die Straßen umfahren können. Von Kaditz direkt in die Neustadt hinein oder umgekehrt. Ab und zu kommt ein großer Hund mit Frauchen oder Herrchen vorbei; hin und wieder ein Jogger; zuweilen ein radfahrendes Rentnerpärchen.

Hinter Kaditz geht die Sonne unter und wirft auf die Graffiti orangenes Dämmerlicht. Flugzeuge kommen im Sinkflug auf Klotzsche angerauscht. Gemeinsam mit dem donnernden Bass der Autos über den Köpfen gibt der Industriesoundtrack die Stimmung vor: Der Mensch ist nichts. Doch Kunst ist hier unten alles.

Wenn ihr das hier unten sehen könntet, dann würdet ihr nicht mehr in euren Autos und Flugzeugen sitzen. Ihr würdet mit der Jugend chillen, um einen Zug vom Joint bitten und mit einem Flaschenbier auf den geilen Abend anstoßen. Alles ist hier viel billiger als auf jedem Oktoberfest der Welt. Und um so viel erfüllender.


        © Dominik Alexander / 2023

3 Comments Add yours

  1. Wow, sind sehr schön! Dein Text und die Graffitis. Zum ersten Mal in Graffitis verknallt habe ich mich in Barcelona und eine schöne Serie davon geknipst. Bei Deinen Beispielen begeistert mich vor allem die Direktheit im Ausdruck.

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    1. Vielen Dank, Friedrich! Was genau meinst Du mit Direktheit? Die harte Bildsprache? Also die in-your-face Symbolik (wie man das heute vielleicht nennen würde)? Ich denke, das liegt auch am Standort an sich. Hier gibt es keine Zensur. Nichts wird entfernt, was im touristisch stärker frequentierten öffentlichen Raum bestimmt nicht lange überleben würde.

      Wenn ich da mal wieder bin, nehme ich mir etwas mehr Zeit, um etwas mehr zu erkunden.

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      1. Ja, in-your-face-Symbolik trifft es gut. Interessanter Platz! LG f

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