Labe km 744

Seit August 2022 bin ich mit einer Grenzüberschreitung der besonderen Art beschäftigt: Seit damals und bis vor kurzem habe ich nun insgesamt einhundert Flusskilometerschilder von Labe / Elbe fotografisch dokumentiert und textlich beschrieben. Das besondere daran ist, dass ich das nicht vom Fluss aus gemacht habe, sondern vom Land her, wo die Schilder teilweise ungleich schwerer zu erreichen sind als bei einer gemütlichen Schifffahrt auf dem Fluss.

Einige Schilder haben mich dabei an den Rand der Verzweiflung gebracht. Oft musste ich durch Brennnesselfelder waten; zu Hause fand ich dann ein paar Zecken an meiner Kleidung. Manche Schilder habe ich mehrfach aufgesucht, meist von beiden Richtungen, um zunächst den Standort festzustellen und zu schauen, wie ich da am besten hinkomme. Luxus war, wenn die Schilder direkt am Weg standen, vielleicht sogar mit einer Holzbank in der Nähe. Leider war das nicht oft der Fall.

Weshalb nun Grenzüberschreitung? Zum einen ist es natürlich ein schön mehrdeutiger Begriff, der hier jedoch schlicht auf die Tatsache anspielt, dass ich den betreffenden Fluss als Elbe in Deutschland und als Labe in Tschechien erkundet habe. In Deutschland beginnt man an der Grenze bei Null und zählt dann bis zur Mündung in Cuxhaven; in Tschechien wird genau umgekehrt von der Mündung bis zur Quelle gezählt, jedoch nicht auch an der Grenze bei Null angefangen, sondern man beginnt schlicht mit der Kilometerzahl, die die Elbe bis Cuxhaven noch zurücklegen muss. So stehen an der grünen Grenze am Elbe- / Laberadweg zwei Schilder: die Null als Beginn der Elbe; die Siebenhundertdreißig als Startzählung der Labe, im Fortlauf jeweils entgegengesetzt.

Mein ursprünglicher Plan sah vor, die ersten einhundert Elbkilometerschilder zu dokumentieren. Doch dann erschien es mir spannender, mir – wenn auch nur für einen kurzen Abschnitt – auch die andere Seite der Grenze anzuschauen. So kam ich insgesamt bis Elbkilometer 84 und Labekilometer 745. Mit Labekilometerschild Siebenhundertvierundvierzig habe ich dieses Projekt fürs Erste abgeschlossen. Dazu habe ich zwei Texte geschrieben; es gehört in jedem Fall zu den herausfordernsten meiner unermüdlichen Reise. Weshalb ich damit einen kleinen Einblick in mein Projekt gebe.

Schrotthandel in Děčín

        EIN KLEINES BISSCHEN wie zum Hohn, als riefe er: Was willst du hier? Genieß doch einfach deine Zeit und jage nicht nur durch die Landschaft auf der Suche nach längst vergangner menschlicher Zivilisation. Ein Kuckuck ruft in meinem Rücken, immerzu zum Scherz, denn das Halbkilometerschild Siebenhundertvierundvierzig ist weiß. Es existiert nur noch als weiße Fläche an der Blechbalustrade einer Entsorgerfirma. Das Schild war meine zweite Wahl zum Vollkilometerschild. Dem hatte ich mich bereits bis auf einhundert Meter genähert, die Labe hinauf, so etwas wie einen ehemaligen Treidelpfad entlang. Zuerst lief ich in der Deckung des Dickichts, bis der Himmel sich plötzlich öffnete und ich mich am Hafen der Firma befand, wo ich auf der anderen Seite des Firmengeländes, vom Laberadweg her, bereits von einer Pförtnerin in Kittelschürze abgewiesen worden war. Ich konnte ihr nicht erklären, was ich wollte – sie sprach weder Englisch noch Deutsch. Dass sie mir auf Tschechisch sagte, dass ich am Schlagbaum nicht vorbei dürfe, verstand ich auch, ohne Tschechisch zu können. Hätte ich mich einfach am Hafen weitertrauen sollen? Nur einhundert Meter bis zum Foto! Kuckuck! Kuckuck! Kuckuck! Ich verstehe dich ja, Kuckuck! Die Bank ist auch sehr schön, auf der ich gerade sitze, gegenüber des weißen Schildes, auf dem   744 5   stehen sollte. Nur fünfhundert Meter entfernt von der Siebenhundertvierundvierzig, von der ich nicht weiß, ob es sie überhaupt gibt.
        Samstag, den 4. Mai 2024

Als ich bereits wieder in der S-Bahn nach Dresden saß, fiel mir ein, dass auf dem Schild selbstverständlich einmal die   743 5   gestanden haben musste. Denn die Labe wird von der Ländergrenze mit Deutschland von der Mündung bis zur Quelle gezählt. Das Halbkilometerschild vor der 744 stromaufwärts ist entsprechend nicht die   744 5. Das fiel mir auf, und mein Entschluss stand bereits da fest: Ich muss doch noch einmal auf die andere Flussseite und irgendwie versuchen, die Siebenhundertvierundvierzig doch noch im Bild festzuhalten. Und so geschah es.

Weiche auf dem Děčíner Güterbahnhof | 3D-Bild

        AM LABEKILOMETERSCHILD SIEBENHUNDERTVIERUNDVIERZIG fühle ich mich wie ein Industriespion. Auf der anderen Labeseite wurde ich bereits am Schlagbaum einer Verladefirma weggeschickt. Ich hätte gar nicht gewusst, was dort an der Labe verladen wird, doch ich durfte nicht hin; die Pförtnerin verstand mich nicht. Auch ich verstand ihre Worte nicht. Doch ihre Gesten waren eindeutig. Nun komme ich noch einmal von der anderen Seite heran. Von der kleinen Brücke aus kann man auf das Anschlussgleis zum Děčíner Güterbahnhof sehen. Die Böschung ist jedoch steil, von Dornenbüschen bewachsen. So komme ich nicht hin. Über die Straße von der anderen Seite her ist es für mich und mein Rad eher lebensgefährlich. Der einzige Zufahrtsweg, die Zufahrtsstraße zur benachbarten Müllentsorgungsfirma, zu der auch der Gleisanschluss führt, endet am verschlossenen Firmentor. Doch genau da, direkt gegenüber, gibt es einen schmalen Pfad durchs Dornendickicht, der den Straßenstumpf mit dem Gleis verbindet. Dort schlängle ich mich hindurch, überquere die Schiene. Dann weitet sich mein Blick auf den fernsten Ausläufer des Güterbahnhofs: die Anschlussstelle Müll. Heute ist Samstag, doch es wirkt wie Sonntag. Vielleicht ist hier mittlerweile auch jeden Tag Sonntag oder Montag nur einmal in der Woche. Das Kilometerschild steht direkt am Fluss, vor kunstvoll besprayten Güterwagen, deren Gestaltung auf den Einmal-pro-Woche-Betrieb schließen lassen. Von hier habe ich auch einen perfekten Blick auf die verbotene Firma. Auf dem Rückweg zu meinem Rad begegnet mir ein gelber Hemmschuh und zwei Weichen, die auf links stehen.
        Samstag, den 11. Mai 2024

Děčíner Güterbahnhof

        © Dominik Alexander / 2024

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