Zocken im Berufsverkehr

Ein Kleinkind schreit
Doch keiner ist es leid
Die Mutter reicht ihm einen Flyer aus der Bahn
Den Quälgeist hebt das nicht an
Denn die mitreisende Jugend hängt an Mobilgeräten
Die mit jedem Klick das Brachland ihres Geistes bejäten
In abgeranzten Jogginghosen sitzen sie mir gegenüber
Die meisten von ihnen im Spielefieber
Dann wabert Angstschweiß durch den Gang
Von einem Fahrgast mit selbstauferlegtem Zwang
Sich von der Umwelt abzuschotten
Und nichts ahnt von den Marotten
Seiner Freundin neben ihm
Die auf dem Nintendo DS irgendein Spiel zockt
Während sie parallel auf dem Mobilgerät den Lösungsweg verfolgt
Hier ist nicht der Weg das Ziel
Sondern der Erfolg
Nicht selbst erspielt
Sondern lediglich nachverfolgt
Dennoch suggeriert der Selbstbetrug
Ich war das selbst
Ich hab den Lösungsweg gefunden
Also bei Youtube
Aber das ist doch eigentlich dasselbe, oder?
Hauptsache, ich weiß, wo es steht
Hauptsache, ich finde ein Video dazu
Schritt-für-Schritt-Erklärung
Was ist daran verwerflich?
Bedienungsanleitungen gehören schließlich zu jedem Gerät
Ausgelagertes Wissen anzuwenden
Ist schließlich auch Können
Da muss man erst mal wissen, wie das geht
Das Selbe im Gleichen erkennen
Das kann auch nicht jeder
Und überhaupt:
Multitasking mit zwei kleinen Bildschirmen gleichzeitig
Auf einem die Schritte verfolgen
Auf dem anderen die Schritte nur leicht zeitverzögert anwenden
Da gehört schon einiges an Können dazu
Fingerfertigkeit beispielsweise
Ganz schnell auf einem Bildschirm herumzuwischen
Da gibt es mittlerweile so viele Jobs
Bei denen man praktisch nine-to-five nichts anderes macht
Informationsverarbeitung stante pede
Und genau so schnell die letzte Information wieder vergessen
Um die nächste ebenso schnell direkt verarbeiten und anwenden zu können
Aufnehmen
Anwenden
Vergessen
Die Medienverarbeitung der Moderne
Wissen, wo es steht
Bereit sein für alles und nichts
Zu jeder Zeit
Immer bereit
Einfach mal abwarten
Die Gedanken schweifen lassen
Funktioniert nicht mehr
Immerzu ist das Mobilgerät bei der Hand
Wenn plötzlich der Verstand
Sich einzuschalten droht
Die Mächtigen wissen ganz genau, was sie bedroht
Wenn ganz plötzlich
Doch mal ein Mensch aufschaut
Vom Handy in die Welt
Wenn er sich umschaut und erkennt
Wenn er sich fragt
Was läuft hier eigentlich?
Weshalb läuft hier so vieles falsch
Oder wenigstens nicht so
Dass es gut für mich wäre
Gut für mich – mh –
Habe ich mich irgendwie noch nie gefragt
Habe immer nur gemacht
Microtasks abgehakt
Vom Chef nach unten delegiert
Von ihm großspurig ungeniert
Von mir dankbar angenommen
Einfach das kleinste Rädchen im Hamsterrad sein
Nicht mal der Hamster
Nein, noch weiter drunter
Dann am Abend nicht mehr munter
Sondern vom eintönigen Abhaken völlig geschafft
Habe ich mich auf dem heimischen Sofa erst mal dahingerafft
Bei Zigaretten, Alkohol und stupidem Ballerspiel
Egal, ob Fußball oder Leute erschießen
Lasst uns das Triste im Leben einfach begießen
Die Gedanken ertränken
Die den Frohsinn nur beschränken
Wenn man plötzlich beginnt
Den Geist dafür zu nutzen
Und über das Leben nachsinnt
Kann man sich direkt eine weitere Flasche Hochprozentiges hinter die Binde kippen
Oder eben die Realität ein kleines Stück verrücken
Ins Phantastische hinein
Zu sehen im Bildschirm: bunt, coole Graphik, gestochen scharf und klein
Beschränkt das Gesichtsfeld auf ein erträgliches Maß
Wie genial ist das!
Größte Bevölkerungsteile klein zu halten
Während die Intelligenz damit beschäftigt ist, Geld und Wissen zu verwalten
Ich sage nur: Drittmittel einwerben und prekärer Mittelbau
Denken sich Kapitalisten immer neuere Süchte aus
Je einfacher, desto besser
Ein einziges Spielprinzip
Anwendbar auf unzählige Spiele
Immer bessere Graphik
Stets ein anderes Setting
Coole Charaktere
Catchy Rahmenhandlung
Und vor allem:
Ein offenes Ende
Anders als im echten Leben
Stirbt in den Soap-Opera-Games nie ein Charakter
Alle werden immer besser
Immerzu geht stets alles weiter
Die Freude über ein gewonnenes Level währt nur kurz
Das ist den Spielern selbstredend nicht schnurz
Denn Folgelevel dauern immer länger
Sitzt der virtuelle Finanzgürtel wieder enger
Um sich Zusatzboni zu kaufen
Muss man weniger saufen
Für einige Jugendliche ist das schon schwer
Dagegen stören sie nicht sehr
Menschenansammlungen im Berufsverkehr
Immerhin zocken sie sich um den Verstand
Wenn sie selbstvergessen starren unverwandt
In diese andere Welt
Die für ganz wenig Geld
Pro Tag so wird, wie es nur ihnen gefällt
So jedenfalls der Irrglaube der jugendlichen Massen
Die scheinbar alles Massenhafte hassen
Sie reden sich ein, sie wären individuell
Dabei jagen sie ganz schnell
Der neuesten Mode hinterher
Sie zocken die Spiele, die bei Google Play ganz oben in den Ranglisten stehen
Und lassen viele Tagesstunden vergehen
Indem sie ziellos über den Bildschirm wischen
Sie lassen sich Bilder, Videos und Fake News auftischen
Nehmen nichts davon richtig wahr
Nur die Fake News – wie sonderbar
Sie leben im Moment
Weder mit Gedanken an Vergangenheit oder Zukunft
Beides haben sie eh schon verpennt
So wie wir alle
Genau das ist die Falle
In die wir alle laufen
Wenn wir reihenweise kaufen
Jedes neue technische Gerät
Das unsere Abhängigkeit zu Ablenkung verrät
Wir wollen nichts wissen von der Welt
Weil uns die Gegenwart doch recht gut gefällt
Vor allem die im Digitalen
Im unrealistischen Unmittelbaren
Das ist der moderne Lauf der Zeit
Prinzipiell sind wir zu allem bereit
Engagement in der realen Welt ist nicht schwer
Doch viel lieber verzocken wir unser Leben im Berufsverkehr.


        © Dominik Alexander / 2025

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