Psalm 22:35:44

Ich komme aus dem Bad
Über dem Schreibtisch meiner Bibliothek leuchtet ein einsames Licht
Ich schaue nach oben
Die Uhr zeigt die Nacht an
So wie auf der anderen Seite des Fensters das Dunkel
Sie sagt:
        Zweiundzwanzig Uhr
        Fünfunddreißig Minuten
        Vierundvierzig Sekunden

Zeigte sie vorhin nicht bereits diese Zeit?
Bevor ich ins Bad gegangen bin?
Nun bin ich wieder hier
Und die Uhr zeigt wieder diese Zeit

Mein Blick wandert nicht mehr
Er begegnet dem Uhrenrund
Und den ruhenden Zeigern
Sie sagen:
Wir wollen nicht mehr
Morgen ist der Tag der Arbeit
Gönne uns doch auch mal etwas Stille

Ich denke an den Papst
Immerzu in den vergangenen Tagen
Denke ich an den hingegangenen Papst
Während ich auf die ruhenden Zeiger schaue
Denke ich an den Papst
Der nun auch ruhen darf

Ich glaube nicht an Esoterik
An eine Verbindung menschengemachter Dinglichkeit mit dem menschenerdachten Göttlichen
Doch was kann es schaden
Dennoch einen Blick in das Buch zu werfen?

Ich denke sofort an die Psalmen
        Psalm 22: Leiden und Hoffnung des Gerechten
        Doch einen Absatz 35 gibt es hier nicht

        Psalm 35: Gebet eines verfolgten Gerechten
        Doch einen Absatz 44 gibt es hier nicht

        Psalm 44: Klagelied

All das liest sich wie ein Nachruf
Die Zeichen weisen auf das Buch
Sie sagen nichts deutlich
Sie deuten nur an
Alles andere ist Auslegung
Interpretation
Ein Spiel mit Worten
Und allen Sorten des Glaubens

Vielleicht sogar der Schöpfung
Einer Neuschöpfung
Oder Ergänzung dessen
Das es vielleicht einmal gab
Ergänzung ist im Grunde doch nichts anderes als Interpretation

Schon morgen werde ich Psalm 22 interpretieren
Ergänzen um das
Was mir der Papst
Durch die Uhr
Sagen will.


        © Dominik Alexander / 2025

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