Zeitnah. Zeitgemäß. Zukunftsfähig. Die neue Brücke der Liebe in Dresden

Sie kamen in der Nacht, als die Bagger ruhten. Kurz vor dem planmäßigen totalen Zusammenbruch und der entscheidenden Stadtratssitzung. Sie setzten ihr Leben aufs Spiel. Und wofür? Für die Brücke der Liebe. Und für eine Art von Werbung, von der sie wohl kaum zu träumen wagten.

Ein Teil der eingestürzten Carolabrücke in Dresden von oben. Auf der Fahrbahn steht: "Verkehrswende jetzt. Brücke der Liebe. Mit: Wärme, Ehrlichkeit, Respekt übernächsten März. Ohne: Milliardäre, Klimawandel, Waffen, AfD, Merz.

Die Hentschke Bau GmbH wird hinter locker vorgehaltener Hand auch gern Aldi Bau GmbH genannt. Für die Stadt Dresden macht sie die Drecksarbeit, von der Friedrich Merz wiederum nur träumen kann. Hentschke Bau rückt überall da an, wo für ruinöse Gebäude, Brachflächen, marode Straßen und eingestürzte Brücken nicht schnell genug eine ordnungsgemäße Ausschreibung veröffentlicht wird. Dann ordnet der eilig einberufene Stadtrat unter seinem royalen Oberbürger Dirk Hilbert an: das macht Hentschke Bau. Prominentestes Beispiel in letzter Zeit: der Abriss der am 11. September 2024 teilweise eingestürzten Carolabrücke.

Fast auf den Tag genau neun Monate später, am 12. Juni 2025, fallen nach dem Brückenzug C auch die Brückenzüge A und B. Hentschke Bau filmt das Spektakel von vorne, von hinten und von oben. Stellt die Videos dem offiziellen Internetauftritt der Stadt Dresden zur Verfügung, die ihrerseits die Videos online stellt. Was an diesem an sich lediglich der Transparenz und Information der Öffentlichkeit dienenden Vorgang dennoch bemerkenswert ist, sind die Worte, die deutlich lesbar auf der ehemaligen Fahrbahn geschrieben stehen:

Verkehrswende jetzt
Brücke der Liebe
Mit: Wärme. Ehrlichkeit. Respekt übernächsten März
Ohne: Milliardäre. Klimawandel. Waffen. AfD. Merz

Zwei Dinge werden daran deutlich: Zum einen geschah die öffentliche Äußerung zeitnah, so dass keine Zeit mehr blieb, das durchaus kritische Statement zu entfernen. Zum anderen wussten die Urheber wohl, dass die Aktion als zeithistorisches Dokument im Bild festgehalten werden würde.

Zeitnah

Man erkennt nicht nur anhand der einseitigen Debatte zur Bürgerinformationsveranstaltung vom 26. Mai 2025, dass die Vorgänge rund um die Carolabrücke stark polarisierend sind. Die eine Seite will eine schmale Brücke für Fußgänger und Radfahrer ohne Autoverkehr, eine andere will ein Verkehrsmonster von über vierzig Metern Breite, einer weiteren ist der Denkmalstutzstatus der Brücke von 1971 gleichgültig – sie will die wirklich historische Carolabrücke vom Ende des 19. Jahrhunderts wieder auferstehen lassen. Weshalb nicht noch weiter zurück in den Barock? Weg von Kfz und Fahrrad, hin zu Pferdefuhrwerken und Reifröcken! Wäre das dann noch zeitnah? Und würden für den künftigen Krieg Panzer über diese moderne alte Brücke rollen können? Vermutlich müsste man sich diese Frage gar nicht stellen. Denn bis die neue Carolabrücke eingeweiht werden kann, ist der künftige europäische Krieg vielleicht schon wieder Geschichte.

Zeitgemäß

Die Forderungen im plakativen Schriftzug sind jedenfalls ebenso zeitgemäß wie die aktuelle politische Stimmung in Dresden schizophren ist. Auf der Pro-Seite wünschen sich die anonymen Aktivisten Wärme, verdammen jedoch gleichzeitig auf der Contra-Seite den Klimawandel. Von Politikern oder generell Entscheidern Ehrlichkeit zu fordern, ist ebenso alt wie die Menschheitsgeschichte. Da kann man sich gleich die Dinosaurier zurückwünschen. Oder auf Godot warten. Kommt alles auf das Gleiche raus. In diesem Sinne ist man natürlich zu jeder Zeit zeitgemäß. Wie anders sollte man schließlich agieren als gemäß der Zeit, in der man lebt? Man baut eine Brücke – zeitgemäß. Die steht dann eine Weile herum. Währenddessen ändern sich Gesetze, Normen, Technologien, Materialien und das gesellschaftliche Klima. Dann ist die Brücke in die Jahre gekommen, veraltet und entsprechend nicht mehr zeitgemäß. Irgendwann stürzt sie ein, wird abgerissen und neu gebaut. Dann wieder zeitgemäß. Und bereits, wenn sie fertig errichtet ist, was üblicherweise ein paar Jahre dauert, ist sie schon nicht mehr zeitgemäß, weil der technische Fortschritt eben stets weiter voranschreitet. Was also ist zeitgemäß? Das weiß wahrscheinlich nicht einmal Johannes von Nepomuk, seines Zeichens Brückenheiliger der Karlsbrücke zu Prag.

Zukunftsfähig

Dann doch lieber die Brücke der Liebe bauen. Denn die Liebe ist doch zukunftsfähig, oder? Wer das glaubt, sollte sich erst einmal Vorlage V0339/25 – Wiederaufbau der Carolabrücke einverleiben. Und zwar Wort für Wort. Immerhin wurde der Großteil von Juristen verfasst. Und bei dieser Berufsgruppe zählt jedes Wort, jeder Buchstabe, jedes nicht gesetzte Komma. Zukunftsfähig heißt primär, dass die Brücke so lange wie möglich stehen sowie den juristischen und normativen Ansprüchen genügen soll. Im Grunde muss man also technische und gesellschaftliche Trends für und in der Zukunft erkennen und versuchen, sie in das Großprojekt einfließen zu lassen. Untersuchungen der letzten Jahre zeigen, dass der PKW-Verkehr stetig abnimmt, während immer mehr Fahrräder unterwegs sind. Dennoch sollen vier Autospuren bleiben und ein Fahrradstreifen direkt an die Straße gelegt werden – vielleicht mit Sicherheitsabstand; vielleicht aber auch ohne, so wie auf der Loschwitzbrücke, dem sogenannten Blauen Wunder. Diese Bezeichnung ist da Programm. Und was heute zukunftsfähig ist, ist in der Zukunft ohnehin nur noch ein schiefes Lächeln wert.

Bezeichnend ist allerdings, dass in der umfangreichen Vorlage noch kein Zeitplan genannt ist – nicht einmal ein vager. Dort heißt es nur, dass mit intensiver Planung das Vorhaben drei bis sechs Jahre länger dauern würde. Klar sind bisher nur wenige Eckpunkte. Die Grundsatzentscheidung sieht einen Ersatzneubau der Carolabrücke vor. Nach dem kompletten Abriss der alten Brücke wird europaweit ausgeschrieben. Bei der Gestaltung sollen die Dresdner Bürgerinnen und Bürger mitsprechen dürfen. Nach der Ideensammlung wird konkret geplant, dem Stadtrat wird der Beschluss vorgelegt. Schließlich folgen die Genehmigungsplanung, die Vergabe für den Bau. Und erst dann geht es los. Werde ich die neue Carolabrücke noch zu meinen Lebzeiten sehen? Ich bin mir nicht sicher.


        © Dominik Alexander / 2025
        © Hentschke Bau GmbH (image)

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