Das Wartezimmer ist nicht der Tartaros

Die nette Schwester sagt: Setzen Sie sich doch ins Wartezimmer.

Ich sage: Zu dem hustenden Herrn?

Sie lächelt kurz. Sagt: Ja und wendet sich schon dem nächsten morgendlichen Akutkunden zu.

Erst nach einer halben Stunde im Wartezimmer hustet der ältere Herr erneut, und ich stelle fest, dass der ältere Herr eine ältere Dame ist. Wenn die Geschlechtshormone aus dem Körper gespült sind, ähneln sich die Körper immer mehr an. Männliche Körper werden schwächer und rundlicher. Weibliche Körper werden kräftiger und kantiger. Auch die Stimmen gleichen sich an. Und so klingt ein Krankheitskrächzen beidergeschlechtlich wie das Grollen aus dem Tartaros. Beiderseits geht es dem Ende zu.

Doch das Krächzen brüllt: Ich bin noch nicht tot!

Die Schwester sagt: Was kann ich Ihnen Gutes tun?

Sagt es zu einer Stimme am Ausgang ihrer Telefonleitung.

Die ältere Dame röchelt, hustet, krächzt vor sich hin.

Hinter mir singt ein Vogel.

Über allem dröhnt ein Rettungshubschrauber in den hellblauen, erfrischend kühlen Morgen hinein.

Ich versuche, mein Buch zu lesen.

Mein Morgen ist natürlich dahin. Die besten Stunden des Tages, die produktivsten, verbringe ich im Wartezimmer meines Allgemeinmediziners. Seit fast zwei Wochen schleppe ich selbst ein Höllenkrächzen mit mir herum. Das mich nicht in den Tartaros bringt. Doch es soll auch zu keiner lebenslangen Begleitung werden. Deshalb setze ich mich dem Höllenkrächzen anderer Menschen aus. Um mir ein Placebo des Arztes zu holen.

Also seine mündliche Bestätigung: Sie machen schon alles richtig: Tee mit Honig, Nasenspülung, Hustensaft, viel Ruhen, viel Schlaf. Haben Sie noch ein paar Tage Geduld. Nein, nein, das wird nicht chronisch. Infektionen gehen gerade rum. Alles ganz normal.

Die üblichen Versicherungen, die gleich ein besseres Gefühl verleihen, ohne dass Chemie erforderlich wäre.

Worte helfen;
sie sind das wirkungsvollste Placebo.

Deshalb gehen Menschen zum Arzt. Nicht wegen der Chemie. Wegen der Worte. Um zu hören, dass die Krankheit normal ist. Dass das Leben doch noch weitergeht.

Trotz Tartaroskrächzen.


        © Dominik Alexander / 2023

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