Kolumne 666: 17. Juni 1953 / 2023

Worum ging es den Menschen am 17. Juni 1953? Worum geht es den Menschen am 17. Juni 2023? Der Versuch einer Einordnung; irgendwo zwischen Freiheit und Sicherheit.

Bereits am 17. Juni 1953 war das sowjetische Urteil gefällt: Der Volksaufstand in der DDR war ein »faschistischer Putschversuch«, initiiert von westdeutschen Altnazis. Der Begriff zog in die Lehrbücher der DDR ein. Die Menschen, die dabei gewesen waren, schwiegen fortan ängstlich. Durch beständige Wiederholung falscher Fakten verblassten jedoch auch die Erinnerungen tatsächlicher Ereignisse. Was nicht erinnert wird, gerät in Vergessenheit oder wird überlagert durch gelenkte Propaganda.

Konrad Adenauer machte den 17. Juni noch im selben Jahr zum Tag der deutschen Einheit in der BRD. Er blieb es bis 1990. Doch auch die Erinnerungskultur im Westteil Deutschlands verblasste. Während der neuen Ostpolitik von Willy Brandt ab 1969 galt es als nicht zielführend, offen und provokativ gegen die Sowjetunion zu agieren. Und so wurde der 3. Oktober zum gesamtdeutschen Tag der deutschen Einheit. Der 17. Juni 1953 galt als erster, erfolgloser Versuch, der für das gesamtdeutsche Gedächtnis obsolet geworden war.

Freiheit

»Acht Jahre lang waren wir gefesselt und geknebelt. Acht Jahre lang durften wir nicht so sprechen, wie wir dachten. Nun ist alles vorbei. Die Stunde der Freiheit hat geschlagen.« Was ein alter Sozialdemokrat den 50.000 Teilnehmern einer Kundgebung in Görlitz zurief, war mit Hoffnung gesprochen. Die stirbt wie immer zuletzt. Und so waren diese hoffnungsvollen Worte an diesem 17. Juni 1953 auch in Görlitz zu früh gesprochen. Nach dem Tod Stalins am 5. März 1953 tobte in der Sowjetunion ein Kampf um dessen Nachfolge.

Mit einem »neuen Kurs« sollte die DDR-Regierung den bereits seit Ende 1952 brodelnden Unmut innerhalb der Arbeiterschaft unterdrücken und so an der Peripherie der sowjetischen Einflusssphäre für Ruhe sorgen. Am 9. / 10. Juni 1953 gab die SED-Führung den Kurs weiter und damit zu, mit der bisherigen Gangart falsch gefahren zu sein. Kurz gesagt, verlangte die DDR-Regierung von ihrer Bevölkerung, mehr zu arbeiten bei gleichbleibendem oder geringerem, monetärem Gegenwert bei gleichzeitig leereren Regalen.

Indem die DDR-Oberen nun zugaben, gegen die Bevölkerung agiert zu haben, entlud sich nur eine Woche später deren Wut auf die Straßen der Städte und Gemeinden. Dass die SED-Führung ihre Normenerhöhung noch am 16. Juni 1953 zurückgenommen hatte, fiel nicht ins Gewicht. In 700 Städten und Gemeinden der DDR fanden spontan Demonstrationen, Kundgebungen und sonstige aufständische Aktionen statt. Forderungen wurden gestellt. Die meisten drehten sich um Freiheit, Demokratie und die Wiedervereinigung Deutschlands. Hätte die sowjetische Armee mit ihren 600 Panzern den Aufstand nicht niedergeschlagen, dann wären diese Forderungen vielleicht bereits 1953 realisiert worden.

Sicherheit

Doch so wurden 15.000 Menschen festgenommen; 2.500 Menschen verurteilt; mindestens 55 Menschen starben; Zehntausende flohen anschließend in den Westen. Bis zur tatsächlichen Wende 1989 lag der 17. Juni 1953 wie ein Damokles-Schwert über den Köpfen der SED-Führung. In der Folge wurde die Bevölkerung von der Stasi bespitzelt; ab 13. August 1961 schließlich eingemauert. Sicherheit war der Führungsriege ein höheres Gut als Freiheit für ihre Bevölkerung.

Am 17. Juni 2023 sieht es genau umgekehrt aus. Die Grenzen sind offen. Doch einige Bürger sehnen sich nach der Mauer zurück. Die Menschen, die mit Pegida spazieren und der AfD den Hof machen, sehen in der heutigen Regierung einen ebenso autoritären Staat wie vor siebzig Jahren. Sie fühlen sich eingeschränkt in ihrer Freiheit. Doch wenn sie auf der Straße sind und ihre Parolen schreien, werden sie weder von Panzern bedroht noch müssen fürchten, erschossen zu werden. Sie fühlen sich dem autoritären Russland und ihrem Autokraten Putin näher als der Ukraine, die mit fadenscheiniger Begründung überfallen wurde.

Freiheit heißt, Verantwortung tragen. Nicht nur für sich selbst, sondern für die Gesellschaft. Sicherheit ist das Gegenteil davon. Denn Freiheit ist eng mit Risiko verbunden. Wenn alles möglich ist, kann ich nicht nur gewinnen, sondern auch scheitern. Ich darf mich nicht ausruhen, sondern muss weitergehen, um etwas zu erreichen. Wer lieber bewahrt, will Sicherheit. Idealerweise mit einem starken Mann an der Spitze, der sagt, wo es lang geht. Wehe, wenn die AfD diesen starken Mann gefunden hat.


        © Dominik Alexander / 2023


Kolumne 666 besteht aus eben so vielen Worten. Dabei werden zwei Themen miteinander verwoben, die vordergründig kaum etwas miteinander zu tun haben. Ein Thema ist aus dem Pool an Schlagzeilen der vergangenen letzten Tage entnommen; das andere Thema entstammt meiner eigenen Biographie. Kolumne 666 ist ein serienhafter Kommentar zum Zeitgeschehen und soll zum Nachdenken mit anschließender Diskussion anregen; entweder hier oder im eigenen Bekanntenkreis.

Literatur

  • Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.), 1953, APuZ 73, (20-21, 15. Mai) 2023.
  • Bundeszentrale für politische Bildung (Hg.), Geschichte der DDR, Informationen zur politischen Bildung 312, (3) 2011.
  • Jörg Engelbrecht / Wolfgang Maron, Sechzig Jahre deutsche Geschichte. 1949-2009, Münster 2009.
  • Martin Kaule, Sachsen 1945-1989. Der historische Reiseführer, Berlin 2015.
  • Ilko-Sascha Kowalczuk, 17. Juni 1953, München 2013.
  • Ilko-Sascha Kowalczuk, 17. Juni 1953. Der Aufstand, der am 18. Juni in Wernigerode stattfand, in: Martin Langebach (Hg.), Protest. Deutschland 1949-2020, Bonn 2021, 138-146.
  • Ilko-Sascha Kowalczuk, 76. Was geschah am 17. Juni 1953?, in: Ders., Die 101 wichtigsten Fragen. DDR, München 2009, 115-118.
  • Rolf Steininger, Der Kalte Krieg. Die neue Geschichte, Erfurt 2016.

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