Unterwegs und nie richtig da

Im Zug versuche ich mal wieder zu lesen. Bin froh darum, noch einen Sitzplatz gefunden zu haben. In einem gangeinschließenden Achtsitzer einer Großraumeinheit, bereits okkupiert von vier Jugendlichen, die sich irgendwo zwischen Gothic und Hilfsschüler bewegen. Der Hilfsschüler sitzt mir in meiner Vierergruppe schräg gegenüber, redet aber über den Gang hinweg auf die anderen drei ein. Jedes zweite seiner ausgespuckten Wörter ist Digga. Ist es Ansprache oder Füllwort wie also, eigentlich oder aber ähm? Vielleicht nicht einmal das. Vielmehr hört es sich an wie ein urzeitliches Grunzen. Als er in Arnsdorf aus dem Zug steigt, ist es auf einen Schlag ruhig. Die Gothic-Jugendlichen dösen musikhörend vor sich hin. Bis Bischofswerda könnte ich nun noch ein paar wenige Seiten lesen. Wenn ich mich nicht fragen würde, wie lange die Menschheit der kommunikativen Sprache noch mächtig sein wird.

Für die letzte Viertelstunde meiner Reise darf ich noch die Landstraße erkunden. Mit dem Schienenersatzverkehr, von dem die Bahn-App gestern noch nichts wusste. Offenbar hat man gestern Nacht bei einem Bier oder zweien spontan entschieden, die geplanten Bauarbeiten vorzuverlegen. Was an sich nicht schlimm ist, denn ich fahre auch mal gerne mit dem Bus. Er stand auch bereits brav an seinem Platz. Und dann ging es gemütlich weiter von der Kleinstadt ins Ländliche. Nur minimal herausfordernd waren zuvor die zehn Sekunden auf dem Dresdner Hauptbahnhof, in denen ich die große Anzeigentafel nach meinem Zug mit Bahnsteignummer absuchte, ihn nicht sah, verwundert die Bahn-App bemühte, dort als Grund Schienenersatzverkehr fand, schließlich alle potentiellen Optionen auf der Anzeigentafel selektierte und mich schließlich für die Regionalbahn nach Görlitz entschied, die bereits vor einer Minute hätte abgefahren sein sollen, aber noch unbewegt im Gleis stand sowie noch kein grünes Signal zur Abfahrt bekommen hatte, wie ich sah, als ich mich rennend dem Zug näherte. Manchmal sind zehn Sekunden mit einem Fingerschnippen vorbei. Manchmal passiert in zehn Sekunden so viel, dass man eine zweihundertseitige Novelle darüber schreiben kann.

Sehr geehrte Fahrgäste, unser nächster Halt ist Bischofswerda. Dieser Zug endet hier. Bitte steigen Sie alle aus. Wir verabschieden uns von Ihnen und wünschen Ihnen noch eine gute Weiterreise.

Liebe Fahrgäste, bitte ignorieren Sie die vorige Ansage. Wir fahren selbstverständlich durch bis Dresden.

Richtig hätte es heißen sollen: Wir drehen selbstverständlich durch bis Dresden. Im Zug selbst ist es auf der Rückfahrt halbwegs erträglich. Doch die Luft draußen ist zum Schneiden angespannt. Etwas liegt in der Luft. Und das ist nicht die Nacht der Museen, die ich bei der Hitze ohnehin bereits abgehakt habe. Als ich in Dresden mein Fahrrad vom Geländer am Bahnhof befreie, sehe ich, dass mir jemand bei Strava einen Kommentar geschrieben hat. Ausversehen hatte ich meine morgendliche Fahrradfahrt zum Bahnhof laufen lassen. Nun standen da knapp sechzig Kilometer statt fünf. Außerdem hatte ich zwei Geschwindigkeitsrekorde gebrochen. Irgendwo zwischen Bischofswerda und Wilthen.

Was soll das denn sein?

Stand da als Kommentar. Wieder so eine Aussage, die nicht mit dem herausrückte, was sie eigentlich aussagen sollte, sondern passiv-aggressiv daherkommend meine Leistung infrage stellte. Statt nett zu fragen: Kann es sein, dass du da gar nicht mit dem Fahrrad unterwegs warst? Ich bin echt stolz auf meinen Rekord. Würde mich freuen, wenn du das ändern könntest, kommt direkt der Holzhammer. Mit einem Ton, der mir klar macht, dass die digitale Welt für einige Menschen wichtiger ist als das reale Leben.

Also seufzte ich kurz, löschte den Kommentar, bestieg mein Fahrrad, kaufte mir ein Eis, fuhr nach Hause, packte das Eis ins Kühlfach und trinke seitdem ganz viel kühles Wasser.


        © Dominik Alexander / 2023

Thanks for sharing your thoughts!

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.