Claus Schenk von Stauffenberg: aufrechter Patriot und Anti-Demokrat

Legenden haben den unschönen Makel an sich, dass sie in der Rückschau vereinfacht und glorifiziert werden. Wenn man sie zudem an einem wohlklingenden Namen aufhängen kann: umso besser. So hat die Legende auch noch einen Helden. Im heutigen Fall: Claus Philipp Maria Schenk Graf von Stauffenberg. Also noch ein Adliger dazu. Da frohlockt das deutsche Herz, das am liebsten die Monarchie zurückhaben will. Denn Demokratie hat ja täglich den unschönen Beigeschmack des Kompromisses. Da muss man andere Meinungen anhören und sogar tolerieren. Und das schlimmste: Parteien entscheiden lassen, die man selbst nicht gewählt hat. Dann lieber gar nicht erst wählen, sich aber von einer blaublütigen Hochwohlgeburt regieren lassen. Der wird schon das beste wollen für unser Vaterland. Ja, Vaterland! Denn Mütter gehören ins Haus, an den Herd und nicht in die Politik! Man sieht ja gerade, wohin das führt!

Das hätte es unter Claus etc. von Stauffenberg nicht gegeben! Immerhin war er Patriot, mochte die Demokratie nicht, hielt das Deutsche für die Krone der Schöpfung und hat erst spät im Jahr 1943 so langsam Zweifel an Hitler bekommen, also länger als ein Jahr nach Stalingrad. Als abzusehen war, dass die nationalistische Führungsriege einfach militärisch die falschen Entscheidungen traf. Und Hitler hatte in der Beziehung ohnehin den größten Knall. Mit Frankreich, Belgien, den Niederlanden, Österreich, Tschechien und Polen war er nicht zufrieden. Ganz Skandinavien und ganz Russland sollten es sein. Und wenn man schon in Griechenland war, warum nicht auch noch die Türkei überrennen? Die Ostgrenze ist dann irgendwo in der Taklamakan, wo Hitler schließlich dem japanischen Kaiser die zittrige Hand hätte reichen können.

Als Vorbild für künftige Generationen ist Stauffenberg schlecht geeignet

So weit wollte Claus gar nicht gehen. Absichern, was man erobert hatte. Hitler und die Führungsriege umbringen. Schnell einen Waffenstillstand schließen und so etwas wie eine Quasi-Monarchie errichten. So tun, als sei man vom Judenmord ganz erschüttert, obwohl er die Sache mit dem Herrenvolk im Grunde ganz schick fand und die Juden ja prinzipiell schon Menschen zweiter Klasse waren. Als Arbeitssklaven gut zu gebrauchen. Aber sehen wollte er die lieber nicht.

Heute, am 20. Juli 2023, wird mal wieder – wie jährlich – dem missglückten Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 gedacht. Nach Stauffenberg sind mittlerweile zig Straßen und militärische Gebäude benannt. Sein Konterfei reiht sich sogar in eine Briefmarkenserie mit dem Titel Aufrechte Demokraten ein. Claus Schenk dreht sich darüber vermutlich im Grab um. Und ehrlich gesagt hätte ich gar nicht wissen wollen, was geschehen wäre, hätte Hitler das Attentat tatsächlich nicht überlebt. Wenn Operation Walküre erfolgreich umgesetzt worden wäre, würden wir uns heute an die ermordeten Juden nicht erinnern. Wahlen und Demokratie wären uns vermutlich Fremdwörter. Die germanischen Götter hätten die christlichen ersetzt.

Doch wie eingangs attestiert, wird Stauffenberg heute als Held gefeiert und geehrt, weil nur noch sein Ende erinnert wird, nicht aber seine gesamte Biografie. Jedenfalls halte ich mich in meinem Urteil an das komplexe Bild, das ich von Stauffenberg gelesen habe und an den britischen Historiker Richard J. Evans, der prägnant zusammenfasst: “Als Vorbild für künftige Generationen ist Stauffenberg schlecht geeignet.”


        © Dominik Alexander / 2023

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