Und ist es doch.
Hin und wieder schwingt es in den Zeilen mit; was unausweichlich ist, denn das Ich schreibt mit den eigenen Händen, die irgendwie auch mit dem Kopf verbunden sind, mit den eigenen Gedanken, den eigenen Erfahrungen, Sorgen, absurden Witzen, Vorurteilen anderen Menschen und Tieren und Pflanzen gegenüber – all das fließt mit ein ins lyrische Sein.
Dennoch schreibe ich – und jetzt teile ich euch eines meiner Geheimnisse mit – mit dem Kunstgriff des lyrischen Ich distanzierter als mit der weniger kunstgriffigen Dritten Person; denn als Er oder auch mal Sie, eventuell sogar Es, schreibt es sich leichter über Traumata, schlimme Erlebnisse, krude Begebnisse (so wie diese Wortschöpfung) oder andere Dinge, die das Ich einfach nur gerne aus sich herausschreiben will, um sie auszulagern, aus dem Kopf heraus auf Papier oder – noch mittelbarer – auf den Bildschirm, der sich – wenn die Zeit zum Schlafen und damit auch Träumen (hin und wieder) gekommen ist – ausschalten lässt, zuschlagen und abschließen – dreifach – wie das große Einfallstor einer mittelalterlichen Burg auf einem Berg in einem Wald auf einer Insel in einem Ozean.
Wer Ich schreibt, meint damit nicht automatisch Autobiographisches.
Im Gegenteil lässt sich mit dem lyrischen Ich eine anbiedernde Nähe evozieren, die plakativ, anheischend, aufdringlich sein kann, in den meisten Fällen jedoch ausschließlich dem jeweils gegenwärtig herrschenden Zeitgeist dient und Nähe nur suggeriert.
Der gegenwärtig herrschende Zeitgeist schreibt im lyrischen Ich.
Doch anders als von der Leserschaft geahnt und erhofft, steht eigenes Erleben dort nicht im Vordergrund, sondern lediglich Markt und Verwertbarkeit.
Das lyrische Ich ist eine Kunstfigur, die auf den Autor überspringt in fantasievollen Pseudonymen, ausgeschmückten Biografien und provokanten Social-Media-Profilen.
In plakativer Nähe bricht das lyrische Ich in eine Nische hinein, die nicht nur die Gesellschaft spaltet sondern auch sich selbst.
Schizophrenie in und mit der Vermarktung.
Ein geradliniger Charakter ist heute nicht mehr gut genug; divers muss er / sie / es sein, muss alles mitmachen, darstellen, gegen alles sein.
Für etwas einstehen ist sowas von neuzehnhundertneunzig.
Nein sagen, wenn ja gemeint ist.
Ja sagen gibt es nicht mehr.
Zustimmung ist Anbiederung.
Also versucht es das lyrische Ich von hinten durch die Brust ins Auge, wie es früher hieß.
Das lyrische Ich schreibt sich in die Traumata der Menschen hinein, nicht die eigenen Traumata aus sich heraus.
Für mich ist Schreiben immer noch ein Spiel, in dem ich mit unterschiedlichen Perspektiven experimentiere, mich ausprobiere, an mehreren Stilen wachse und dabei – hin und wieder – etwas aus mir herausschreibe, was ich verarbeiten will; als eine Art Zwiegespräch mit mir selbst, um aus dem Teufelskreis des immer wieder gleichen Denkens auszubrechen.
Wenn ich dabei das lyrische Ich wähle, ist es meist das Ich irgendwo weit draußen auf einem Berg, das mehr Weitsicht hat als das Ich-Ich vor dem Notebook in meiner Bibliothek im vierten Stock.
Mein lyrisches Ich nimmt andere Positionen ein als ich selbst, es webt und strickt und spielt mit Worten, mit Gedanken, mit Ideen – auch weltfremden, außerirdischen, unterirdischen, weltgewandten, eingeschränkten.
Auf meinem Schreibtisch steht ein Tageskalender von Geo; so sehe ich jeden Tag ein anderes Panorama-Foto von irgendwo auf diesem Planeten; mag sein, dass mich das in meinem täglichen Schreiben beeinflusst, inspiriert, mein Denken verfälscht, verändert, indoktriniert.
Heute sehe ich ein Foto von den Malediven vor mir; das Bild spricht mit mir und sagt: Die Inselgruppe im Indischen Ozean ist ein hochpreisiges Urlaubsziel. Die Regierung kontrolliert die Routen der Gäste streng: Das islamische Land lässt erst seit 1972 Touristen einreisen, Besuche außerhalb der Hotelinseln müssen angemeldet werden.
Ich bin mir noch nicht sicher, ob ich die Malediven je besuchen will; doch spricht hier nun mein lyrisches Ich zu euch oder der Autor?
© Dominik Alexander / 2023
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