Wenn also die Harfe zu spielen beginnt, die Flöte einsetzt und das Cembalo aus der Ferne leise dazustößt, wird das Wasser steigen und die Schnellen immer schneller von einem Land zum anderen fließen.
So steht es zwar nicht geschrieben, ist jedoch gedacht und eingegraben in den harten Granit vor Abu Simbel, dort wo der Katarakt der Vergangenheit heutzutage ein Stausee ist, wo Schiffe nichts mehr fürchten müssen; die Steine der Zeit aber alles.
Niedrigwasser ist ein ferner Mythos, denn einst verschlang die Flut hier Mensch und Tier.
Das Leben, wie es einst der Pharaonen Sklaven führten, scheint lang vorbei, obwohl die alten Gemäuer mit ihren großen Augen – je länger der Betrachter sie beschaut – jede Seele trocknet und verdörrt.
Wenn denn der Mond hier länger verweilt als die Touristen und sich die Natter zu ihm gesellt; wenn alle Weisheit aus den Fugen tritt, sich mit dem Wasser mischt und sich nach Norden auf den langen Weg begiebt, werden Katarakte wieder zornig schnellen; nichts Erbauliches wird mehr sein, und Trost kann auch der Sonnengott nicht schenken.
Es begab sich also, zu einer Zeit nicht weit von hier, dass Wasser und Granit sich einten zur Symbiose des Alten, die langsam Schnelles schafft und im Steten Veränderung geriert, die kein Mensch je ergründen kann.
Die Furcht vor Katarakten ist heute verblasst; natürliche Grenzen sind heute Grenzen in Köpfen gewichen, wo einige sich übermächtig wähnen, die nicht mehr wissen, was Katarakte einst gewesen.
Werden innere Grenzen höher, je öfter Menschen von jenseits des Katarakts das eigene Land besuchen und nicht mehr gehen?
Waren die Katarakte die Barrieren der Natur, um den Menschen vor sich selbst zu schützen?
Liegt es in der Natur des Menschen, die natürlichen Grenzen zu durchbrechen, sich zu erheben über die Katarakte und dann nicht zu wissen, wie er mit all seiner Freiheit umgehen soll?
Die Katarakte aus einem anderen Land sind immer auch die Katarakte dieses Landes, denn wir teilen uns die Grenzen, während das Wasser, das wir brauchen, stets von oben kommt.
© Dominik Alexander / 2023
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