Das Licht flackert in allen möglichen Farben. Durch die Räume wabert abgestandener Gestank von Zigaretten. Sogar im Vorraum hängt er noch in der Nase. Erst Stunden später sollte ich feststellen, dass er sich in meiner Kleidung verfangen und festgesetzt hat.
Das fühlte sich an wie eine Vergewaltigung. Und war doch nur mein erster Disco-Besuch. Und mein letzter.
„Bist du nicht die Freundin von A.?“ hatte mich jemand im Vorraum gefragt. An das Davor kann ich mich nicht mehr erinnern. Doch diese Frage begleitet mich bis heute.
Disco-Besuche waren in den frühen Neunzigern zwei neue Welten auf einmal. Kinder-Disco in der DDR; Erwachsenen-Disco im wiedervereinigten Deutschland. Auch wenn diese Erwachsenen-Disco eher eine Dorf-Disco war. Jeder kannte jeden oder kannte wenigstens viele. Und wer auf dem Dorf ein paar kannte, kannte im Prinzip alle. So schließt sich der Dorfkreis.
War ich die Freundin von A.? Im Moment der Frage stürzte so einiges auf mich ein. Ich war dreizehn oder vierzehn Jahre. Das war kurz nach dem Mauerfall. Aber noch nicht am Gymnasium. Das war der Beginn der Pubertät. Ich ging meist noch als Junge durch. Aber scheinbar nicht für alle. Es war nicht die Zeit, in der blau und rosa klar voneinander getrennt waren. Wir waren einfach Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene. Ich hatte Freunde und Schulkameraden. Wir machten Blödsinn, spielten den Lehrern Streiche. Und am ersten Mai seilten sich ein paar von uns in eine Nebenstraße ab, um nicht weiter die rote Nelke an der Brust spazieren tragen zu müssen.
Die Wende war nicht nur politisch. Auf dem Dorf und mit zwölf spielte das für uns kaum eine Rolle. Wir standen kurz davor erwachsen zu werden. Das war aufregend genug. Dennoch wagten wir eines noch jungen Morgens einen geradezu revolutionären Akt. Auf das „Seid bereit“ von Frau R. antworteten wir nicht mit „Immer bereit“, sondern mit „Guten Morgen“. Das war mein Eintritt in die Politik. Wir haben das dann kurz diskutiert. An das schulische Danach an der POS in N. kann ich mich kaum noch erinnern. Am Gymnasium in B. mussten wir in jeder Klassenstufe die Weimarer Republik durchkauen. Wahrscheinlich, um uns gelernten DDR-Schülern die Demokratie einzutrichtern. Jahr für Jahr. Die beiden Weltkriege fanden kaum statt. Dafür Weimarer Republik in Geschichte, Ethik und Gemeinschaftskunde.
Ich übertreibe natürlich. Und kann mich an diese schulischen Inhalte auch gar nicht mehr erinnern. Ich erinnere mich daran, wie mich meine Mutter vor dem Konsum ans Ende der Schlange gestellt hat, um die zugeteilten Bananen für die Familie abzuholen. Das war neu. Nicht nur, dass es zum ersten Mal Südfrüchte gab, sondern auch, dass man vorher wusste, wofür man sich an die Schlange stellte. Ich erinnere mich daran, dass wir am ersten Tag am Gymnasium in B. die letzte Klasse waren, die noch in der Aula saß und sich unsere Klassenlehrerin Frau S. darüber wunderte, dass sie drei Jungs bekam, obwohl doch im Plan nur zwei standen. Ihr vermeintlicher Irrtum klärte sich kurz darauf. Vermutlich hatte ich deshalb die folgenden zwei Jahre an und unter ihr zu leiden.
Ich erinnere mich daran, wie im letzten Abiturjahr in der Aula des Gymnasiums in B. Draußen vor der Tür von Wolfgang Borchert aufgeführt wurde. Ich habe seine Kurzgeschichten verschlungen, denn er hat genau die Fragen gestellt, die auch durch meinen Kopf schwirrten. Er war mit vierundzwanzig Jahren aus dem Zweiten Weltkrieg gekommen. Zwei Jahre später schrieb er Draußen vor der Tür. Jemand kommt heim, ist jedoch nicht mehr willkommen. Er weiß nicht, wohin er soll. Mit seinem alten Ich kann er nichts anfangen. Er stellt Fragen, bekommt nie Antworten. Sein altes Zuhause gibt es nicht mehr; nirgends kann er ein neues entdecken. Die Uraufführung seines Stücks hat Borchert nicht mehr erlebt. Mit sechsundzwanzig Jahren starb er in der Schweiz an den Folgen einer Lebererkrankung.
Und jetzt, 1992, mit vierzehn Jahren, sahen wir das Stück am Gymnasium. Die Schauspieler waren gut; ich war gefesselt, saß relativ weit vorne. Doch von weiter hinten kamen unqualifizierte Zwischenrufe. Nichts Kritisches zum Stück; nur Kommentare, um zu stören. Bis die Schauspieler sich genötigt sahen, aus ihren Rollen zu treten, um Ruhe zu bitten und dem Ernst des Stückes gemäß zuzuhören.
Die Kindheit ist dafür da, dass man sich kennenlernt; die Jugend ist dafür da, dass man sich orientiert; als junger Erwachsener will man ins Leben starten, will sich an Neuem ausprobieren und nicht nur das von den Eltern Erlernte fortführen. All das suggeriert Stringenz. Wie bei einem Computerspiel folgt Level auf Level. Du schließt eine Stufe ab, steigst auf, erhältst neue Fähigkeiten, arbeitest dich weiter voran, bis du den nächsten Endgegner besiegst, was dich zum nächsten Level bringt. Stufe für Stufe nach oben. Und alles für die Gemeinschaft.
So war es in der DDR vorgesehen. Wir waren mit zwölf noch zu jung, um die Wende mitzugestalten. Während wir in der Schlange vorm Konsum nach Bananen anstanden, liefen die Jugendlichen, die nur vier oder fünf Jahre älter waren als wir, bei den Montagsdemos mit. Sie trafen sich mit den Erwachsenen in Kirchen oder konspirativ in Privatwohnungen.
Wer im Tal der Ahnungslosen in oder hinter Dresden aufwuchs, sich in die Verhältnisse fügte, keine Westverwandtschaft hatte und keine großen Ambitionen, konnte von sich vermutlich sagen: Ich hatte eine schöne Kindheit.
Ich kann nicht sagen, dass ich eine schlechte hatte. Allerdings sah ich bei meinen Großeltern in Leipzig ab und zu Westfernsehen, und angeblich bekamen wir einmal pro Woche ein Westpaket, das meine Mutter im Kinderwagen von der Post abholte. So jedenfalls las es mein Vater nach der Wende in seiner Stasi-Akte.
Für mich persönlich brach keine Welt zusammen. Erst im Nachhinein – heute – erkenne ich, was unser Alter in dieser Zeit bedeutet hat. Wir haben schon sporadisch erkannt, konnten die Richtung jedoch nicht mitbestimmen. Die Ohnmacht kam für einige später.
Für mich kam sie zum ersten Mal an jenem Disco-Abend. A. war mir zuvor ein guter Freund gewesen. Jetzt ging ich ihm aus dem Weg. Ich wollte nicht die Freundin von irgendwem sein. Zu dieser Zeit war ich ein geschlechtsloses Wesen. Und hätte das wohl noch gerne ganz lange sein wollen. Ich mochte Jungs als Kameraden, als Freunde, als Raufpartner. Jetzt wollten sie plötzlich etwas anderes sein. Freundinnen hatten plötzlich Freunde und nicht mehr so oft Zeit. Später erfuhr ich, dass mich viele wohl für lesbisch hielten. Deshalb bekam ich diese eine drängende Frage wohl auch seltener zu hören als andere: Hast du schon einen Freund?
Erst Fichte-Schule, dann Lessing-Schule, schließlich Goethe-Gymnasium. Was liegt da näher, als irgendwas mit deutscher Literatur zu studieren? An sich hätte ich am Gymnasium sehr gut sein können. Wenn mich nicht da schon immer wieder die gleichen Fragen gequält hätten, über die ich viel zu lange nachdachte, die mich vom Lernen abhielten. Ich wurde nicht in die Rolle einer jungen Frau gedrängt. Ich konnte anziehen, was ich wollte, trug mein Haar wie ich wollte. Ich freute mich, wenn mich fremde Menschen mit „junger Mann“ ansprachen. Ich freute mich nicht, wenn ich in den Spiegel sah.
Ich hatte also durchaus eine schöne Kindheit. Doch meine Pubertät war eine Qual. Vorher war ich ein Mensch; jetzt beschränkte mich mein Körper auf eine Frau. Ab und zu trickste ich ihn und meine Umwelt aus, doch sobald es offiziell wurde und Papiere verlangt wurden, war das Spiel vorbei. So musste ich also auf Frauentoiletten und in Frauenumkleidekabinen gehen und Fußball in einer Frauenmannschaft spielen. Dabei versuchte ich, so männlich wie möglich aufzutreten. Für meine Blutgrätsche war ich sachsenweit gefürchtet.
Und dann sogar für ein halbes Jahr in der Landesliga von Nordrhein-Westfalen. Denn ich hatte zunächst nicht studiert, sondern eine Tradition meiner Familie fortgesetzt. Ich hatte Fahrdienstleiter bei der Deutschen Bahn gelernt, weil mich wegen meiner Vier in Geographie sonst niemand wollte. Die Braunkohleflöze auf Mallorca hatten mir bei der Abiturprüfung das Genick gebrochen. Weshalb erinnere ich mich eigentlich an so viele Misserfolge? Und selten an Erfolge?
Ein anderes Rätsel ist mir seitdem und bis heute ungelöst geblieben: zwischenmenschliche Liebesbeziehungen. Ich verstehe einfach nicht, wie es zwei Menschen schaffen, sich ineinander zu verlieben. Wenn ich mich verliebt habe, konnte der andere mit mir nichts anfangen. War jemand in mich verliebt, bekam ich es entweder nicht mit oder teilte die Gefühle des anderen nicht. Meine Liebe war auch mehr eine psychische; physisch existierte ich kaum. Jedenfalls nicht für mich. Für andere durchaus. Und genau dieser Zwiespalt, diese gegenseitigen Missverständnisse brachten mich wohl dazu, lieber ein Helfender als ein Liebender zu sein.
Vor dem Gutmenschen stand jedoch der Fall. Nach meiner Bahnlehre in Bautzen, Chemnitz und Dresden sowie auf diversen Stellwerken und Bahnhöfen von Bischofswerda über Wilthen bis Neugersdorf hatte es mich nach Rheine verschlagen. In Rheine kreuzen sich die Bahnstrecken von Münster im Süden bis Oldenburg im Norden und von Osnabrück im Osten bis Enschede im Westen. Es war Februar 1999, ich war 21 Jahre und saß fortan im Schichtdienst auf einem Wald- und Wiesenstellwerk, auf dem es nichts anderes gab als mechanische Signalhebel für die Signale A und B, eine nicht abhängige Schranke für einen Feldweg, an dem sich ab und zu ein wartender Traktor bemerkbar machte und ein Telefon. Zu konstatieren, ich wäre leicht unterfordert gewesen, wäre Geschichtsverfälschung und Schönfärberei. Immerhin schrieb ich eine Art Theaterstück über meine Erlebnisse dort, ein Stück, das – anders als Borcherts Draußen vor der Tür – tatsächlich kein Theater spielen und kein Publikum sehen will.
Der Fall ereilte mich bei einer Nachtschicht, als ich wohl aufgrund von Schlafmangel und einigen Dosen Red Bull meinen ersten epileptischen Anfall hatte. Mein Kopf traf einen der mechanischen Signalhebel. Wach wurde ich wohl vom Signalhorn der an Einfahrsignal A stehenden Lok des Güterzugs sowie der schrillen Telefonklingel.
Als ich im darauf folgenden Jahr 2000 ab dem Sommersemester an der TU Dresden zu studieren begann, war ich meiner Epilepsie dankbar, dass sie mir weitere Monate und Jahre bei der Bahn erspart hat. Manche Menschen würden einen sicheren Job wohl einer lebenslangen Krankheit vorziehen. Doch ich stellte vor allem mir und manchmal auch anderen damals schon Fragen, die mir die kopulierenden Hasen vor dem Stellwerk in Rheine nicht beantworten konnten.
Ich habe Philosophie studiert, um Antworten zu finden. Nicht auf die ganz großen Fragen – weshalb lebt der Mensch? Woher kommen wir? Wohin gehen wir? Sind wir allein im Universum? Die kann ohnehin niemand beantworten – nein, auf die kleinen Fragen – Wer bin ich? Wer bin ich für die anderen? Was will ich mit und in diesem Leben erreichen? Weshalb lebe ich als Mensch?
Beim Studium fand ich Ludwig Wittgenstein, und fand mich in ihm wieder. Ich fand Thomas Edward Lawrence, und fand mich in ihm wieder. Und fand Thomas Bernhard, fand mich in ihm wieder. Auch mag ich die Menschen, mit denen ich in meiner Jugend zusammenkam bis heute. Auch wenn ich einige von ihnen nicht mehr sehe, haben sie mich doch geprägt. K. beispielsweise brachte mich mit der großartigen Musik von Mike Oldfield zusammen. Seitdem mag ich alles, was symphonisch ist, lang, episch, breit, sich aufbauend, tiefgründig eine Geschichte erzählend, die sich im eigenen Kopf entfalten kann. Ist das so eine Art Kompensation für die fehlende Mitbestimmung in der Wendezeit?
Ich flüchte mich nicht aus der Realität, wenn ich Echoes von Pink Floyd höre; ich sehne mich nicht zurück in die gute alte Vergangenheit, wenn ich Alben aus meinem Geburtsjahr 1977 höre: Supertramp von Supertramp, Bat Out Of Hell von Meat Loaf, Animals von Pink Floyd. Oft höre ich diese Musik, wenn ich meine Gedanken ordnen will. Wenn ich – wie kürzlich erst – von einem neuen Podcast vom MDR höre, der unsere Generation fragt: Punk oder Fascho? Was wart ihr in den Neunzigern?
Was waren wir in den Neunzigern? Ich jedenfalls war weder das eine noch das andere. Ich war ein Mensch, der versucht hat, einen Mehrwert für die Gesellschaft und sich selbst zu schaffen. Das versuche ich noch heute – mit etwas ehrenamtlicher Arbeit hier, mit meinen Texten dort, mit Hilfe, wo sie gebraucht wird, mit Worten, wo rechtem Nazischeiß widersprochen werden muss.
In der Wendezeit waren wir noch zu jung, um die Gesellschaft gestalten zu können. Doch jetzt sind wir genau im richtigen Alter. Wir können reflektieren, Erfahrungen teilen, Positives erschaffen, statt immer nur auf Negatives zu reagieren.
Habt heute Abend eine gute Zeit, nehmt die guten und schönen Momente mit und teilt sie, wo ihr nur könnt. Das können wir echt mal wieder gebrauchen.
© Dominik Alexander / 2023
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