Morgenseiten sind sowas von gestern. Wenn sie von morgen wären, würde ich jetzt bereits längst im Bett liegen, süß träumen vielleicht, mich hinein in weiche Daunen. Eine weitere Decke muss nicht sein. Ich habe ja das Fenster, das sich öffnen und wieder schließen lässt. Die einzige Heizung heizt im Bad. Bald wollte ich schreiben: heißt oder auch nur heiß. Bin nur bis zum SZ gekommen, was bekanntlich Süddeutsche Zeitung heißt, aber eben auch Sächsische Zeitung. Ebenso wie Dresden nach der Wiedervereinigung kein D am Auto bekam (denn das hatte ja schon Düsseldorf, und das ist bekanntlich viel schöner und größer als die Stadt im Tal der Ahnungslosen. Woher sollten sie auch wissen? Und das Doppel-D passte hier auch viel besser hin.
Nun also…
… begab es sich, dass ich den anderen Text bereits vorbereitet hatte. Wenigstens im Kopf. Dann kam der Jahresendbonus – Auszahlung noch vor Lohnabrechnung – ein weiterer Text (der aber erfolgreich beendet), eine Regenfahrt auf die andere Seite der Stadt, ein Vortrag über Poesie in der Spätantike, Bibliotheksbesuch (immer noch bei Regen), Heimfahrt im vor Studenten riechenden Bus, dann auch noch ein kleines Stück Straßenbahn und wenige Meter zu Fuß, schließlich zu Hause, Stichpunkte aus dem Kopf zum virtuellen Papier gebracht, voller Enthusiasmus zuvor.
Doch jetzt ist davon nichts mehr übrig. Weil einfach überall im Raum die Frage steht:
Warum?
Ich muss ja nicht. Und weshalb sollte ich müssen, wenn ich das Bett bereits ersehne?
Pflichtbewusstsein? Habe ich lange nicht mehr verspürt. Nur noch neutrales Durchleben des Seins. Mögen die Tabletten sein, die ich auch nur halbherzig zu mir nehme. Wer weiß, wohin es mich führte, würde ich mich an die Einnahmeregeln halten.
Nun denn – also – breche ich nun ab? Befreie ich mich von der Fessel, dem Knebel, diesem Haken, der sich durchs Fleisch schält – virtuell – um die andere Seite zu beschauen?
So fühlt es sich also an, in einem Flow zu sein. Doch ich schöpfe ja nur aus meinem eigenen Geist. Ich schreibe vor mich hin, wo immer mein Kopf die Finger denken lässt.
Ein Leben geht dahin; ein neues kommt hinzu.
An diesem Abend hatte ich schon so viele gute Gedanken, dass ich sie mit stumpfen Sorgen nicht mehr bedrängen will.
Gleich!
Gleich mache ich mich frei. Schließ einfach die Augen. Geh ins Bett, Du! Hocke nicht länger vor dem flimmernden Übel unserer Zeit!
Du!
Ich befreie mich, und nehme dich mit in meine Träume. Heut Nacht wirst du mich sehen, ohne mich zu kennen. Ich warte hinter dem roten Haus, hinter dem blauen Baum, unter dem grünen Himmel.
© Dominik Alexander / 2023
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