Wer nachts in den Himmel schaut, sieht dort mehr Augen als in den Straßenbahnen zum Berufsverkehr. Während die Sterne dort oben nur ganz klein und so weit weg sind, sind sie mir doch näher als die Augen der anderen Menschen, die mit mir in den Bussen und Bahnen der Stadt sitzen und stehen, die ganz verwaschen sind und unsichtbar hinter ihren Mobiltelefonen. Ich versuche, Blickkontakt herzustellen, wenigstens zu einem Menschen durchzudringen, doch es nützt nichts. Dann versuche ich zu ergründen, was in diesen kleinen leuchtenden Bildschirmen so viel wichtiger sein kann als ein Blick auf das vorübergleitende Alltagsrauschen aus der Bahn heraus. Es sind vor allem junge Frauen, die sich mit gefährlich stark abgeknickten Köpfen über Chatverläufe beugen, über Instagram-Feeds und Whats-App-Gruppen. Mir fällt auf, dass Mobiltelefone nicht mehr wie Telefone gehalten werden, sondern wie bei Star Trek: entweder mit der Unterseite ans Ohr, um Sprachnachrichten anzuhören oder mit der Unterseite an den Mund, um selbst Nachrichten hineinzusprechen. Die Jugend spricht nicht mehr miteinander; sie sprechen Monologe ohne Gegenüber und hören Monologe, ebenfalls ohne Gegenüber. Alles wird gedankenlos und ohne Austausch in ein Netz diktiert, das immer kompakter wird. Das Netz ist nicht mehr vergleichbar mit einem durchsichtigen Spinnennetz, das sich sanft im Wind wiegt. Es gleicht stattdessen einer immer enger gewebten Mauer. Dabei hat jedes Netz seine eigene Mauer, viele sogar mehrere, undurchdringlich, was sich vor allem in der Sprache manifestiert. Die Jugend schreibt ihre Texte in Piktogrammen, in Hieroglyphen; und genau so spricht sie auch. Ein abgehacktes Versatzstück hier; eine hanebüchene Wortgruppe dort. Sätze sind Mangelware. Und hier schreibe ich nicht einmal von Sätzen mit mehreren Gliedsätzen, getrennt durch Kommata und Semikola. Nein, mir würde bereits ein normaler Hauptsatz genügen, in dem Subjekt, Objekt und Prädikat passend miteinander verknüpft sind. Doch so etwas ist heutzutage selten. Kein Wunder, dass sich diejenigen, die heute noch sprechen können, hinter großen Kopfhörern verstecken, um die herausgebellten Halbsätze in öffentlichen Verkehrsmitteln nicht anhören zu müssen. Zugegeben, sie begeben sich in ein anderes Netz, eines aus Lyrik und Musik. Doch immerhin ist dieses Netz noch durchsichtig, so dass die Welt da draußen erkennbar bleibt.
© Dominik Alexander / 2024
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