Ziemlich zynisch

Eine Tramfahrt von knapp zehn Minuten genügte, um mir direkt den Tag zu vermiesen. So dachte ich, als ich ausstieg und ins Büro schlitterte. Denn selbstverständlich waren die Straßen blank geputzt, während auf dem Gehweg das blanke Eis lag. Eine Kollegin hat sich vergangenen Montag auf eben jenem Weg zur Arbeit bereits den Mittelhandknochen ihrer rechten Hand gebrochen. Wenn man es reimt, klingt es gar nicht mehr so schlimm wie es für sie war. Und für uns. Denn heute waren wir zu sechst im Büro. Von üblicherweise neun oder zehn. Der Chef ist beim Langlaufen. Ein anderer Kollege quält sich seit heute an einer Grippe. Auch daran sind selbstverständlich die menschengemachten Straßenverhältnisse schuld.

Trotzdem war ich nicht wegen all dem heute Morgen latent mies gestimmt. Immerhin hielt die Laune lediglich bis zum Büro beziehungsweise zur unteren Eingangstür des Bürogebäudes. Denn dort stand bereits Kollege Nummer Eins bei seiner prinzipiell noch nicht verdienten Raucherpause. Er raucht noch schnell vor der Arbeit. Ein anderer trinkt auf dem Weg noch einen Kurzen weg. Soll mich das stutzig machen? Kann man diese Arbeit nur im Rausch ertragen? In voller Besetzung sind wir sieben Ganze und fünf Halbe beziehungsweise Viertel. Vielleicht ist diese latente Unterbesetzung eine Erklärung. Oder eine halbe beziehungsweise viertel.

Doch zurück zur morgendlichen Tram. Wirklich morgendlich war sie nicht. Es war kurz nach halb Neun, und ich hatte gehofft, den vielen Schülern zu entgehen, die üblicherweise etwa eine Stunde zuvor die Tram in ein Zirkuszelt verwandeln. Oder einen Bienenstock. Alles schreit, brummt, lacht, motzt durcheinander. Irgendwann ist jedes Sauerstoffmolekül weggeatmet; die Scheiben beschlagen. Es ist ein Graus.

Immerhin fahren all diese Schüler normalerweise nur drei Stationen mit mir gemeinsam, ohne dass wir dabei wirklich etwas gemeinsam haben oder machen. Viele waren es morgends halb Neun auch nicht. Dennoch war die Tram gut besetzt. Doch hinten war alles frei. Meine Lieblingsvierergruppe konnte ich nun besetzen. Also zwei Sitze davon. Die anderen beiden mir gegenüber besetzten zwei Schüler nur eine Station später. Der eine sah agrressiv aus und hörte sich entsprechend an. Sein Kumpel sah intelligent aus und hörte sich entsprechend an. Leider sprach er nicht sehr viel. Das übernahm sein aggressiver Kompagnon, der, was sich herausstellte, als er mit sprechen begann, nicht sehr intelligent war. Eher das genaue Gegenteil davon.

Gemotze über die Lehrer, dass er einfach nicht kapiert, was sie wollen. Die Hausaufgaben seien unverständlich. Und überhaupt. Deutschland hat Schulden, schickt aber trotzdem Milliarden in die Ukraine. Und die Ausländer nehmen alle Arbeitsplätze weg. Ich stellte mir die Eltern dazu vor, die Gespräche beim Abendbrot, das alkoholgetränkte Gemotze des Vaters, die rauchgegerbte Stimme der Mutter, die allem beipflichtet. Und dazu raucht. Und dazu dem Vater das nächste Bier öffnet.

Mit ziemlich zynischen Gedanken, dennoch froh, mir das nicht weiter anhören zu müssen, bin ich der Tram kurze Zeit später entkommen, habe im Büro von jenem bereits erwähnten weiteren Krankheitsfall gehört, habe die Tramgeschichte zum besten gegeben und mich an den ersten Arbeitstag der Woche gemacht. Nicht ohne Gedanken an den gestrigen Demonstrationstag. Gestern und heute. Diese Stimmungsbilder sind die perfekte Blaupausen für die diesjährigen Wahlen. Wenn alle von gestern wählen gehen, haben wir eine gute Chance, nicht die Dumpfbacken von heute gewinnen zu lassen.


        © Dominik Alexander / 2024
        © Cdd20 (image)

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