I
Ohne die Brille zu sehen
Setze ich die Maske auf
Über die Marienbrücke fahren zwei Radfahrer
Auf der falschen Seite
Auf der linken Seite
Ist das bereits politisches Statement
Da man sich bereits auf dem Fahrrad sitzend
Auf der Straße klebend
Gesellschaftlich positionieren kann?
Menschen verreisen am Sonntag
Mit großen Koffern zerteilen sie das Ich
Ins Mittgenommene
Ins Dagebliebene
Dabei schallt aus dem Hintergrund Gelächter
Dumpf nur durch die Musik hindurch
Es geht mich nichts an
Doch die Lacher wollen durchdringen
Sehen wie sich einer maskiert
Nicht zu ihnen stiert
Wollen Mittelpunkt sein
Fordern Aufmerksamkeit ein
Auf der anderen Seite findet der Mann mit den Koffern den Ankunftsplan des Bahnhofs auch bedeutend interessanter
Es ist kein Bekannter
Nur jemand
Der im Rhythmus seiner selbst
Den um ihn schwingenden Alltag auf seinen vor und zurück schwingenden Füßen erlebt
Ich spüre
Am liebsten würde er abheben
Dem Himmel entgegenstreben
Die Welt von oben erleben
Nur das Blau sehen
Nicht das Rot
Nicht mehr zur Arbeit müssen
Sein ohne Not —
II
Vor die Sonne schiebt sich eine Nebeldecke
Das, was vom Morgen übrig blieb
Ist längst entflohen
In kaum noch erreichbare Höhen
Das Land ist braun
Der Himmel ist blau
Wer kennt seinen Nachbarn noch genau?
Oder sich selbst?
Können sich Menschen noch auf die Straße trauen?
Oder sollten sie lieber in den Nebel tauchen?
Idealerweise selbst verursachten vom Rauchen
Vor der Tür
Das sag ich dir
Ist es noch viel schlimmer
Als hier im überheizten Zimmer
Mit den selbsttätigen Türen
Kann ich mich denn noch spüren
Oder übernehmen das die Tabletten für mich?
III
Wir tauschen die Züge kurz vor dem Ziel
Sonst geschieht hier nicht viel
Menschen versuchen sich zu bespaßen
Die Zielanzeige blinkt SOS
Wolkenformationen verändern ihr Aussehen
Formwandler über den Köpfen
Die der Wurm durch die Landschaft trägt —
Zerklüftete Bilder
Vorangetragen wie Schilder
Abgeholzte Wälder
Veruntreute Gelder
Fahre ich noch durch Deutschland
Oder schon durch ein korruptes Land?
Bin ich irgendwo falsch abgebogen?
Hat mich jemand versandt
Um die Untiefen dieser Welt zu schauen
Um nicht zu viele Luftschlösser zu bauen?
IV
Wenn der Zug fährt,
nicht mit dem Triebfahrzeugführer sprechen!Za jízdy
nemluvte se strojvedoucim!Do not talk to the train driver
while the train is running!Podczas jazdy pociągu
zakaz rozmowy z maszynistą!
V
Ein AVE SGD auf einer Betonmauer
Sehe ich gerade noch
Ehe es meinem Blick entschwindet
Während mein Geist sich windet
Dieses Bild zu vergessen
Sitze ich im überfüllten Zug zurück
Ins Großstadtglück
Wo an diesem Sonntag
Wenigstens die Geschäfte im Bahnhof
Ihre Pforten öffnen
Denke ich bereits an den heimischen Abend
Will ich mir etwas vornehmen?
Oder will ich es lassen?
Kann ich den Abend genießen?
Oder lasse ich Gedanken sprießen
Die mich nur wieder weg führen
Weit in die kommende Woche hinein —
Lass das doch mal sein
Lass los
Rauch mal wieder eine Zigarette auf dem Balkon
Ja, wirklich!
Einfach mal wieder unvernüftig sein
Kannst du das noch?
Oder sind diese Zeiten vorbei?
Hat es sie je gegeben?
Hattest du das je im Leben?
VI
Zum sorgenfreien Abend zu Hause
Fehlt mir jedoch noch Klopapier
Nur deshalb bin ich hier
Sitze in diesem Zug
Lasse mich tragen
Von dort nach da
Von dann nach jetzt
Hoffentlich ist nicht deshalb der gesamte Zug besetzt
Weil alle anderen auch nach Klopapier suchen
Man kann sein Glück aber auch versuchen!
Habe ich erstmal das Klopapier
Packe ich das Leben wieder an
Also zunächst den heutigen Abend
Den Schokokuchen vielleicht
Den ich bereits seit Wochen
Ununterbrochen denke ich daran
Backen nicht essen
Wollte —
Oder sind das schon wieder zu viele Pläne?
Vielleicht genügt für heute Abend
Ein schlichter Telefonanruf
Den ich auch bereits seit Wochen vor mir hergeschoben
Der mir beständig in meinen Gedanken hängt
Vielleicht wird es gar nicht so schlimm wie gedacht
Vielleicht wird es sogar gut
Gut ist wahrscheinlich alles
Was man sich für einen Sonntag wünschen kann
Und weshalb nicht einmal das Schicksal selbst steuern?
© Dominik Alexander / 2024
© F. Heiberger (image)