Sandsturm in der Libyschen Wüste

»Sag mir, wer du bist!« rief er in den aufkommenden Sandsturm hinein. »Was machst du hier?«

Doch er erhielt keine Antwort. Noch vor dem Aufgang der Sonne waren sie aufgebrochen. Noch heute mussten sie das Meer erreichen. So lange reichten die Vorräte noch. So lange würden es die Dromedare ohne Wasser aushalten. Nun war es kurz nach Mittag. Die Sonne brannte in ihre Rücken hinein. Das flimmernde Goldgelb des Sandes um sie herum blendete ihre Augen. Das blasse Blau des Himmels verschmolz irgendwo vor ihnen mit dem Sand.

War das der Horizont? Oder war es nur eine Idee, eine Vorahnung aus Gelb und Blau? Zwölfter März 1914. Frühling kurz vor dem Krieg. In der Libyschen Wüste bedeutete das nichts. Doch woher sie kamen und wohin sie gingen war es Geschichte und Zukunft. Hier in einen Sandsturm hinein zu reiten, bedeutete, in der Gegenwart gefangen zu sein.

Kurz schloss er die Augen. Versuchte zu hören, was nicht zu sehen war; versuchte zu erkennen. Sobald er die Augen öffnete, sah er doch nur eine einzige Fata Morgana vor sich. Um ihn herum ein einziger Horizont aus fataler Horizontlosigkeit.

»Wer bist du?« rief er, als der Schatten erneut in seinem Blickfeld auftauchte. Doch er wusste schon, dass er ihm nicht antworten würde. Er sprach nicht seine Sprache. Er verstand nicht die seine. Seine einzige Rettung war, ihm zu vertrauen und das zu tun, was er tat.

Als er erneut die Augen schloss, versuchte er zu hören. Er versuchte, hinter das Heulen des Sturms zu lauschen. Er lauschte und lauschte, bis er das Dromedar, auf dem er saß, nicht mehr spürte.

Leise zogen mit dem nahenden Heulen des Sandsturms Klangteppiche auf. Stimmenwellen von Französisch, Spanisch, Deutsch, Englisch. Sie zogen heran, färbten sich Pink, Rot, Schwarz, zogen an ihm vorbei, kehrten ab und zu zurück, wirbelten um ihn herum und suchten schließlich das Weite. Flüchteten vor dem Sandsturm, dem sich die Dromedare so tapfer wie gleichgültig entgegenstemmten.

»Wer bist du?« rief er noch einmal aus voller Kehle. Bereute es sofort, weil der Sturm eine Handvoll Sand in seinen Mund schob, von dem ihm noch lange danach kleine Körnchen am trockenen Gaumen kleben sollten.

»Ich bin dein Schicksal,« hörte er plötzlich eine Stimme nah an seinem Ohr.

Überrascht öffnete er die Augen, denn sein Begleiter sprach doch nur Arabisch. Einen libyschen Dialekt, den er nur mit großer Konzentration verstand. Nein, Ibrahim hatte ihm nicht geantwortet. Der fragte ihn nur fragend an.

»Hast du das auch gerade gehört?« fragte er ihn.

»Was, Sahib?« fragte dieser.

»Die Antwort auf meine Frage.«

»Was hast du gefragt, Sahib? Ich habe nichts gehört als den Sturm.«



        © Dominik Alexander / 2024

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