Ein schnelles Müsli ist bereitet. Die Sonne steht knapp über dem Horizont, blinzelt durchs jenseitige Blattwerk; blendet mich noch nicht. Jetzt ist die ideale Zeit, die Straße unter meinem Fenster in meinen Blick zu nehmen. Die noch Schläfrigen versuchen, sich draußen zurechtzufinden. Der Morgendunst spiegelt ein Paralleluniversum, das es nur zu dieser Stunde gibt, von einer halben Stunde vor Sonnenaufgang bis eine halbe Stunde danach. Alles liegt in gemächlichem Schlummer. Niemand ist schon so ganz bereit, sich auf die neue Woche einzulassen.
Von rechts steuert ein Transporter der Johanniter an meinem Fenster vorbei und hält links von mir am rechten Straßenrand. Der regelmäßige Besuch ist mir bereits bekannt. Dort drüben wohnen einige ältere Leute. Auf meiner Straßenseite im linken Nachbarhaus kommt oft kurz vor Mitternacht ein Krankenwagen mit Blaulicht an. Wenn ich dann in meiner Bibliothek sitze und draußen das rhythmische blaue Blinken zu mir emporklimmt, weiß ich, dass wieder etwas passiert ist.
Diesmal geht es jedoch nicht hektisch zur Sache. Die Johanniter sind kein Bereitschaftsdienst, haben kein Blaulicht auf dem Dach. Für sie ist es Routine, und für den Nachbarn auf der anderen Seite auch.
Kurz darauf gleitet von links ein großes Müllfahrzeug ins Bild und hält direkt unter mir, beinahe inmitten der Straße. Ein etwas zu schneller Fahrradfahrer wäre beinahe in den gähnenden Müllschlund gefallen. Kopfhörer auf dem Kopf, Handy in der Hand. Schon am frühen Morgen hält er sich für unverwundbar, unverzichtbar.
Die drei Müllmänner in ihren neongelben Körperkondomen nehmen sich Zeit. Einer kümmert sich um einen großen Container; der zweite um zwei kleine. Sogar der Fahrer steigt aus, schlendert zum nächsten Hauseingang, um das dortige Abfallbehältnis in Empfang zu nehmen. Alle drei haben die Ruhe der Routine. Abgehärtet vom Hupen der Autos, Beinaheunfällen, schimpfenden Radfahrern. Die Schicht dauert noch weit in den Tag hinein. Weshalb irgendetwas überstürzen? Am Ende wird noch verlangt, dass es immer so schnell geht! Dann lieber in sicherer Entspannung stets das Richtige tun.
Einem blauen Euronics-Transporter dauert das Warten zu lange. Er hatte bereits einige Minuten hinter dem Müllfahrzeug verbracht. Jetzt hält er es nicht mehr aus, schwingt sich zwischen den Laufwegen der drei Neonmänner hindurch und nach rechts an dem Müllfahrzeug vorbei. Wenige Minuten später fährt der Müll gemächlich weiter, und von links kommt erneut Euronics ins Bild. Er ist jetzt nicht wirklich einmal um den Block gefahren, anstatt geduldig zu warten?
Oben läuft ein Blaufußtölpel von rechts ins Bild; eine Joggerin, schwarz gekleidet, doch mit neonblauen Laufschuhen an den Füßen. Aus der Vogelperspektive und ohne Brille sieht sie aus wie der Vogel mit den viel zu großen blauen Füßen.
Die Johanniter sind längst verschwunden, als eine Frau aus dem Haus tritt, vor dem das weiß-rote Fahrzeug zuvor stand. Beinahe gleichzeitig öffnet sich oben ein Fenster; drittes Stockwert, eins unter mir auf der anderen Seite. Schemenhaft erkenne ich einen Mann mit einem Kleinkind auf seinem Arm. Kein Sicherheitsgitter. Die Szene erinnert mich an die unrühmliche Begebenheit, als einst Michael Jackson seinen Sohn aus einem Hotelfenster einer begeisterten Fanmenge entgegengestreckt hatte. Hier bleibt das Kind innerhalb der vier Wände, diesseits des Fensterkreuzes. Beide winken der Frau, die unten ein parkendes Auto ansteuert. Sie dreht sich nach oben, winkt zurück. Dann steigt sie ein, wartet noch einen Moment. Verstaut ihre Sachen, legt den Gurt an. Dann startet sie den Motor, fährt los und nach rechts aus dem Bild. Das Auto ist längst verschwunden, als das Kleine noch einmal winkt. Der Mann schließt sich an. Dann schließt er das Fenster, und ich bin beruhigt.
So viel Aufregung bereits am frühen Morgen. Während des Schauspiels habe ich mir mein Müsli schmecken lassen und ein paar Schluck Tee, der von gestern Abend übrig geblieben war. Die Sonne steht schon etwas höher. Der Dunst lichtet sich. Der Tag beginnt zu blenden. Also doch wieder mit Sonnenbrille zur Arbeit. Fast ein bisschen schade. Wäre ich nur ein paar Minuten früher weggekommen, hätte auch ich mich noch durch die blasse Dämmerstunde tragen lassen können.
© Dominik Alexander / 2024
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