Wenn mir so gar nichts einfallen will, was ich an einem Sonntag Abend schreiben soll, fange ich einfach an, und vergesse bereits beim dritten Wort das erste. Die Zeit läuft, habe ich mir gesagt. Und sie eingestellt. Dreißig Minuten, in denen ich mein Hirn befreien will, um später leichter, vor allem aber zeitiger einschlafen zu können. Deshalb mache ich das hier in erster Linie: nicht um zu vergessen, sondern um die Gedanken auszulagern.
Schreiben hilft nicht nur bei der Reinigung. Um Gedanken wirklich auslagern zu können, muss man sie reflektieren, noch einmal durchdenken, um sie ablegen zu können. Das ist auch ein kleines Spiel mit der Tastatur, den fliegenden Augen von den Händen zum Bildschirm und wieder zurück. Kurz habe ich einmal versucht, mir das Zehn-Finger-Schreibsystem anzutrainieren. Und bin an meiner Ungeduld gescheitert. Obwohl ich bereits nach der ersten Lektion Fortschritte bemerkt habe. Auch zuvor wusste ich vage, wo sich die einzelnen Buchstaben befinden. Wenn man täglich schreibt, die Finger mit den Gedanken Schritt halten müssen, geht es gar nicht anders.
Fliegende Gedanken mit fliegenden Fingern im Schlepp; die Gedanken im Wasser; die Finger trippeln am Land auf dem Treidelpfad hinterher. Immer ein bisschen langsamer und dankbar dafür, wenn die Gedanken sich auch mal sammeln müssen, um zu Atem zu kommen.
Vielleicht gehe ich das Zehn-Finger-Schreiben irgendwann noch einmal an. Dann ernsthaft. Oder stelle nach der zweiten Lektion erneut eine signifikante Verbesserung fest. Und verliere meine Geduld wieder. Oder schlimmer: glaube, ich sei bereits perfekt. Beziehungsweise: dieses Können nach zwei Lektionen ist doch für meine Zwecke völlig ausreichend. Schneller denke ich doch ohnehin nicht. Und wenn doch, dann merke ich mir das schon für kurze Zeit. Die Finger kommen dann schon hinterher. Immerhin kann ich nicht permanent Sinnvolles denken, dass festgehalten werden müsste.
Am Ende ist es wohl die Kombination aus Ungeduld, Selbstüberschätzung und Größenwahn, die mich oft bereits nach kurzer Zeit glauben lässt, ich könne etwas. Ich durchschaue ein System, und das genügt mir. War etwas zuvor noch kaum zu ergründen, weil ein Mechanismus im Verborgenen lag, verliert es durch die Offenbarung sein Geheimnis und damit seine Anziehung auf mich. Das Rätsel ist gelöst und ich kann weitergehen. So habe ich eben bereits bei der ersten Lektion des Zehn-Finger-Systems erkannt, wie die weiteren Lektionen aussehen würden.
Schließlich lerne ich so auch Sprachen: Ich lerne ein wenig Grammatik, durchschaue die Strukturen, wie Wörter zusammengesetzt sind, wie die Satzgliedstellung ist. Habe ich das verstanden, ist es mir genug. Zum Beherrschen einer Sprache muss man selbstverständlich einen Grundwortschatz lernen. Das ist mir nicht unbedingt gleichgültig, aber eben langweilig. Immerhin habe ich doch das System verstanden. Mehr braucht es nicht. So kann ich sagen, dass ich weiß, wie Arabisch, Griechisch, Russisch, Japanisch, Norwegisch, Italienisch, Französisch, Spanisch und Portugiesisch funktionieren, doch wirklich kommunizieren kann ich lediglich auf Deutsch, Englisch und Latein.
Doch ich bin weder Dolmetscher noch Sekretär. Ich muss nicht perfekt in etwas sein, das ich nur als Instrument nutze, nicht als Broterwerb. So wie ein Althistoriker die Archäologie auch nur als Beiwerk betrachtet, als Hilfsmittel und nicht als eigenständige Wissenschaft. Ebenso wie die Paläographie, die Numismatik, die Papyrologie. All das sind auch eigenständige Wissenschaften und deren Vertreter betrachten wohl ihrerseits Althistoriker mit einem süffisanten Lächeln. So ist das nun einmal, wenn amn sich in etwas spezialisiert.
Und worin bin ich nun Spezialist? Ist da immer noch der Althistoriker in mir? Dazu müsste ich wohl erst etwas Signifikantes zu Papier gebracht haben. Eine eigene Forschungsarbeit, wenigstens einen kleinen Aufsatz in einer Fachzeitschrift. Ideen hätte ich genug. Doch dabei kommen wieder die Gedanken ins Spiel, die eben leider so sprunghaft sind.
© Dominik Alexander / 2024
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