Ich schlürfe an meinem lauwarmen Tee, während draußen der Wind lautstark heult. Den Wind kann ich nicht beeinflussen. Doch wieso eigentlich nicht?
Den Tee habe ich doch auch in die Tasse zwingen können. Ob er nun wollte oder nicht. Ehrlich gesagt habe ich ihn gar nicht gefragt. Weil ich wusste, dass er mir ohnehin nicht geantwortet hätte? Oder weil ich arrogant genug war anzunehmen, dass er mich gar nicht versteht, meine Sprache nicht beherrscht, gar keine Sprache beherrscht, nicht einmal sprechen kann.
Die Atome des Tees wirbeln durcheinander, wirbeln immer weniger schnell und ausgreifend umeinander, bis sie schließlich alle stehen und der Tee kalt ist. Beides hängt zusammen; das eine bedingt das andere. Jedoch nicht umgekehrt. Bei dem Wind ist es nicht so. Ich kann sagen: Wehe, Wind! Macht er es, ist es Zufall. Macht er es nicht, auch.
Es gibt Dinge, die beherrschen wir. So wie ich heute Abend den Tee. Er ist ein zusammengesetztes Wesen, eine Art Frankensteins Monster, aus Wasser, Teeblättern, Papier, Metallklammern und einer Tasse. Ich war es, der all das zusammengebracht und etwas neues erschaffen hat, das er selbst wieder zerstört. Ein Kreislauf des Lebens, das nicht im herkömmlichen Sinn lebendig war. Es wurde erwärmt, um sich zu bewegen. Doch wenn die zugeführte Wärme fehlt, fällt das Konstrukt wieder in sich zusammen. Tee ist kein Perpetuum mobile.
Wind dagegen lässt sich nicht bändigen. Er ist nicht einmal sichtbar. Doch er bewegt wie von Geisterhand. Er schafft Geräusche, eine Art Sprache, die ich wiederum nicht verstehe. Versucht mir der Wind etwas zu sagen? Weshalb glaube ich, dass der Wind ausgerechnet mir etwas sagen will? Weil ich mich mit ihm beschäftige? Über ihn schreibe? Weiß der Wind von meiner Existenz? Spielt er deshalb mit meinen Haaren? Schickt er deshalb Regentropfen auf meine Haut?
© Dominik Alexander / 2024