Acht bemerkenswerte Zustände in Gelb

In meiner Stadt bin ich von Gelbem umzingelt. Lautlos schleicht es sich von hinten an, haut mir die schwere Pranke auf die Schulter. Ich drehe mich um, doch niemand ist da. Das bedeutet Gelb für mich: Ein hinterlistiger Zustand, der kommt und geht und so kaum zu fassen ist. Ich versuche es trotzdem.

Nahaufnahme von vielen gelben Stiefmütterchen. Seiner Vergänglichkeit kaum bewusst, recken sich die gelben Stiefmütterchen ins Licht. Der Himmel ist blau. Sie ahnen auch nicht, dass ihre bloße Existenz mit ein wenig Demut garniert heutzutage bereits politisch ist: Gelb und Blau ist aktuell automatisch die Ukraine. In allem, was so aussieht, kann man Assoziationen bilden. Der blaue Himmel hängt auch über der Ukraine, dort allerdings überzogen mit Drohnen und Luftalarm; die gelben Stiefmütterchen sehen aus wie die gutmütigen Gesichter der Mütter, die bereits ihre Söhne an den Krieg verloren haben.

Der gelbe Zustand der Stiefmütterchen ist Demut.

Die Zeichnung eines halben gelben Auges schaut von einem großen weißen Plakat auf die Menschen unter ihm. Es ist doch nur ein halbes Auge. Ein halbes hellgelbes Auge auf weißem Hintergrund. Hinterlistig, kaum zu sehen, nicht plakativ in Neonfarben schreiend: Hier bin ich, dein großer Bruder, der über dich wacht. Früher standen sich in den Schlachten die Heere gegenüber. Heutzutage infiltrieren Bots das Internet; unbemannte Drohnen werden entsendet, um den Luftraum der Feinde zu löchern. Guerillataktik in der Luft. Heutzutage jedoch nicht von kleinen Volksgruppen, die sich angesichts einer Übermacht nicht anders zu wehren wissen, sondern von den paranoiden Autokraten unserer Zeit. George Orwells Nineteen Eighty-Four ist Realität geworden und damit auch sein Big Brother, auch wenn er hier noch mit halbem Auge um die Ecke schielt.

Der gelbe Zustand des Auges ist Paranoia.

Eine Mülltonne mit gelbem Deckel und gelbem Schild an der Seite. Man sieht es der Mülltonne im Bild nicht an, doch sie steht geschützt in einem Hof mit Zaun davor. Das Tor ist verschlossen; ein Unbefugter kommt nicht rein und daher auch nicht an die Tonne heran. Müll loswerden können nur Befugte mit Schlüssel. Hinein gehört nur das, was in einen gelben Sack gehört: Wiederverwertbares, Plastik, keine Essensreste, kein Papier (das kommt in die blaue Tonne links daneben). Die Müllfahrzeuge sieben jedoch nicht aus. Sie nehmen alles mit – egal, ob es richtiger gelber Müll ist oder nicht richtiger. Meistens ist es jedoch richtiger, denn nichts ist dem Deutschen heiliger als die Mülltrennung – wenn man mal davon absieht, andere Menschen bei der Müllentsorgung zu beobachten und zu maßregeln, wenn sie ihren Müll nicht richtig zuteilen.

Der gelbe Zustand der Mülltonne ist Verdrängung.

Eine Ankündigung an einer Litfaßsäule informiert in gelber Schrift über die Premiere der tragischen Komödie "Der Besuch der alten Dame" von Friedrich Dürrenmatt am 5. April 2024 am Staatsschauspiel in Dresden. Wer schreit hier eigentlich? Ist es die alte Dame? Ist es Friedrich Dürrenmatt? Ist es die gelbe Schrift? Vielleicht schreit auch einfach nichts dieser drei Entitäten, nämlich dann, wenn es niemanden gibt, der sich anschreien lässt. In Zeiten von Social Media bedeutet Schrift, ausschließlich in Majuskeln in den virtuellen Äther entlassen: Dem Sender ist seine Aussage so wichtig, dass er sie virtuell schreit. Denn Majuskeln sind sichtbarer und deutlicher lesbar als Minuskeln oder Kursive oder gar Kurrent. Das wussten bereits die antiken Römer, die ihre monumentalen Inschriften idealerweise in Majuskeln ausgaben. Natürlich auf dauerhaftem Stein, der sich und seine Inhalte oft bis in die heutige Zeit retten konnte. Anders wird es wohl dem Werbeplakat des Staatsschauspiels Dresden ergehen. Und der alten Dame sowieso.

Der gelbe Zustand der Schrift ist Vergänglichkeit.

Ein gelber Sportwagen steht auf einer grünen Wiese. Seine Vorderräder stehen in der Luft. Die gelbe Schrottkarre steht auf dem temporären Areal eines Zirkusunternehmens, das gerade eine Aufführung zeigt. Es riecht nach Tierexkrementen und auch ein klein wenig nach Gras. Von sehr weit weg wirkt das Gefährt beinahe elegant. Doch beim Näherkommen wird klar, dass dieses ehemalige Auto nicht mehr es selbst ist. Vorne aufgebockt und mit zwei unterschiedlichen Sets Radzierblenden bestückt, ist es zum Fahren kaum noch zu gebrauchen. Zum gut aussehen auch nicht. Im besten Fall ist es unique, wie man heute gerne sagt – einzigartig.

Der gelbe Zustand des Autos ist Uniqueness.

Draufsicht auf eine vorbeifahrende gelbe Straßenbahn. Wie ein gelber Wurm windet sich die Straßenbahn die Alleestraße entlang. Man muss stehenbleiben, um ihr zu entkommen. Wer drinsitzt, kommt erst wieder heraus, wenn die Bahn hält. Man wird gefahren; man hält an. Man lässt sich treiben; man lässt die Landschaft vorbeiziehen. Man begibt sich in fremde Hände; man liefert sich aus. Vertraut auf eine gute Fahrt; sitzt trotzdem wie in einem Käfig oder einem Aquarium. Der Wurm ist ein vorübergleitender Zoo, in dem die Menschen in Reih und Glied wie Hühner auf ihren Stangen sitzen. Jeder hat seinen kleinen Platz. Sind alle besetzt, muss man stehen. Es gibt geschriebene und ungeschriebene Gesetze. Geschrieben steht: Da darfst nichts essen, was auf den Boden tropfen könnte, beispielsweise Eis und Döner; Du darfst deine Schuhe nicht auf den Sitz gegenüber ablegen; Du darfst die Bahn nicht beschmieren. Es liest sich wie sonst übliche Rechte, die hier jedoch genommen werden. Ungeschrieben steht: Du darfst durch deine klobigen Kopfhörer nicht so laut Musik hören, dass du nicht hörst, wenn eine gebrechliche Frau sich auf den Platz setzen möchte, wo du deinen Rucksack abgestellt hast; Du darfst nicht so laut in dein Smartphone schreien und einem virtuellen Gegenüber deine gesamte (erfundene) Lebensgeschichte erzählen, dass sich deine Mitreisenden gestört fühlen. Was nicht da steht, gehört zum Allgemeinwissen, zum natürlichen Umgang miteinander. Dennoch werden diese stillschweigenden Gebote immer mehr ignoriert. Vielleicht, weil sie immer weniger eingefordert werden. Denn wer hat schon Lust darauf, zur Zielscheibe zu werden? So lässt man es über sich ergehen, denn die Fahrt ist temporär begrenzt, und zu Hause wartet die gute heile Welt der Vorabendserien, in denen alles noch viel schlimmer ist als im gelben Straßenbahnkäfig.

Der gelbe Zustand der Straßenbahn ist Ausgeliefertsein.

Ein gelbes Citybike steht vor einer grünen Hecke. Das Fahrrad, das hier ausnahmsweise mal nicht im Weg herumsteht, sieht aus der Ferne gelb aus, damit es sich vom grünen Hintergrund abhebt und den nächsten Nutzer stumm anbetteln kann: Nimm mich! Ich will hier nicht länger rumstehen. Geliehen, nicht geleast, das ist das Motto dieser Zeit – ganz unverbindlich etwas nehmen, nicht dafür verantwortlich sein, es einfach wieder von sich werfen, sobald es nicht mehr gebraucht wird. Und damit einher geht die Rahmenwerbung, die gar nicht mehr aufhört, ins Auge zu stechen, je näher sich der potenzielle Nutzer dem Fahrrad nähert. Denn die Unverbindlichkeit des Marktes bringt es mit sich, dass ich noch aggressiver als die zahlreiche Konkurrenz für mich werben muss, damit man mich überhaupt noch wahrnimmt. Deshalb heißt das gelbe Fahrrad zwar einerseits nextbike (ja, alles klein geschrieben – wir sind ja modern), ist andererseits jedoch Glied einer Kette namens MOBIbike (ja, bei MOBI alles groß; das bike ist wieder klein), die ihrerseits ein Partner des öffentlichen Personennahverkehrs ist – gemeinsam mit Bahn, Bus, MOBIshuttle (ist das so etwas wie ein Taxi?), Car- und Bikesharing. Dieses abstruse Denglish soll auch modern sein. Darunter jedoch in gut anheischendem Deutsch der latent aggressiv klingende Imperativ: Fahr doch, was du willst!

Der gelbe Zustand des Fahrrads ist Unverbindlichkeit.

An einem Trafo-Quader steht in gelber Schrift: "Freiheit für alle Dynamo-Fans." Mit Dynamo-Fans muss man schon Mitleid haben. Überall verden sie verkannt, angefeindet – ihrer Freiheit beraubt. Freiheit für alle Dynamo-Fans: das fordern sie deshalb in zackigen gelben Majuskeln, die illegal auf einen Trafo-Quader gemalt, jeden Vorübereilenden zusammenzucken lassen. Illegal, ja; anders geht es schließlich nicht. Was meinen sie mit Freiheit? Die Freiheit, überall ihre gelb-schwarze Farbe zu verteilen, die man vom Stadion bis zum Hauptbahnhof sogar mit geschlossenen Augen nicht ignorieren kann? Die Freiheit, auf alle Spielfelder der Welt Feuerwerkskörper zu schmeißen? Die Freiheit, nach Herzenslust Gästefans durch die Stadt zu jagen? Die Freiheit, vom K-Block aus in das Stadion hinein Naziparolen zu brüllen? Die Freiheit, sich die Freiheit herauszunehmen zu behaupten, sie wären ihrer Freiheit beraubt? Zuweilen kann man versuchen, sich in das Denken eines Dynamo-Fans hineinversetzen zu wollen. Will man halbwegs bei Verstand bleiben, sollte man das jedoch lassen.

Der gelbe Zustand des Trafo-Quaders ist Sachbeschädigung.


        © Dominik Alexander / 2024

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