Markus Seifert sitzt neben mir. Wer das ist? Keine Ahnung. Doch er scheint die Angewohnheit zu haben, seinen Namen auf die erste Leseseite eines Buches zu schreiben. Anstelle eines ex libris. Beziehungsweise ist sein Name sein ex libris. Sein auf diese Weise signiertes Buch lautet Fouriertransformation für Fußgänger. Wie ich später recherchiere, stammt es von Tilman Butz, der zumindest im Jahr 2012 eine Professur an der Fakultät für Physik und Geowissenschaften an der Universität zu Leipzig inne hatte.
Die Lektüre dauert zunächst nicht lange. Nachdem er seinen Namen auf die erste Seite geschrieben hat, liest er zwei Zeilen, klappt das Buch zu, fotografiert das Cover und schreibt eine lange Nachricht auf dem Mobiltelefon, die viel länger ist als das, was er bisher von dem Buch gelesen hat.
Markus Seifert ist ein haarloser großer Typ, der mit einer Fleecejacke in die Regionalbahn Fünfzig von Dresden nach Leipzig gestiegen ist und sich zu mir gesetzt hat. Vor der Fouriertransformation hatte er die ausgedruckte Powerpoint-Präsentation eines Professors der Technischen Universität Dresden durchgearbeitet. Irgendetwas Ökologisches mit Verkehr, eventuell auch Fahrrädern. Ich wollte nicht starren, war zudem schläfrig von einer viel zu kurzen Nacht. Ein paar Versatzstücke habe ich gelesen, aber sofort wieder vergessen, weil ich darüber eingenickt bin. Wie Markus das schafft, ist mir nicht geheuer. Vielleicht. In jedem Fall jedoch rätselhaft. Schleierbeseelt.
Die Fleecejacke hat er kurz nach Riesa ausgezogen. Ein Riesenakt, weil er selbst ein massiger Riese ist, der Gang rechts neben ihm jedoch von anderen Fahrgästen, die stehen müssen, während wir sitzen, bestanden. Markus hat wenig Platz, doch den nutzt er aus.
Auf meiner morgendlichen, erfrischenden Zubringerfahrt auf meinem Fahrrad durch den Großen Garten hatte ich mir die Zugreise schöner ausgemalt als sie letztlich geworden ist. Sie ist so geworden, wie sie immer ist: heiß und voll. Deshalb hatte ich extra den Zug eine Stunde früher als ursprünglich geplant – kurz nach acht Uhr – genommen, weil mir die Bahn-App mitgeteilt hat: Ganz so schlimm wie eine Stunde später – also neun Uhr – wird es nicht. Ich rede mir ein, dass es eine Stunde später tatsächlich noch schlimmer gewesen ist. Doch beinahe vollständige Auslastung ist schlimm genug. Jedenfalls wollte ich ein Buch auslesen – die noch verbliebenen dreihundertfünfzig Seiten von vierhundertfünfzig Seiten. Eingeschlafen bin ich bereits nach nicht einmal zehn Seiten.
Dann hat sich Markus Seifert neben mich gesetzt. Bis dahin hatte ich diese unterschwellige Angst gehabt, dass sich jemand, vor dem ich schließlich lieber geflohen wäre und meinen Sitzplatz aufgegeben hätte als weiterhin neben diesem Jemand sitzen zu müssen, neben mich in die Zweiergruppe setzen könnte. Und dann ist es plötzlich so weit: Ein Markus Seifert setzt sich neben dich, die Angst bist du los, dafür hat dich der Ekel in seinen Klauen.
Markus war aber in Ordnung. Er war zwar groß und beanspruchte anderthalb Sitze – für mich blieb ein halber, dazu noch direkt am Fenster, durch das permanent die Sonne auf mich einschien. Doch ansonsten war Markus in Ordnung. Er stank nicht nach Körper, telefonierte nicht in sein Mobilgerät hinein und verzichtete auf ein hastig am Bahnhof gekauftes, übel riechendes Frühstück. Ja, Markus war durchaus erträglich. Vor allem aber nahm er mir die unterschwellige Angst, dass sich in absehbarer Zeit jemand neben mich hätte setzen können. Er sah nicht so aus, als sollte er diesen Zug vor Leipzig verlassen wollen. Also hatte ich bis dahin weitestgehed Ruhe.
Bei diesen Temperaturen jagt man doch keinen Hund nach draußen. Thirty-two degrees and counting. Bis Dresden Hauptbahnhof wurden es noch zwei Grad mehr. Da hatte sich Katharina längst bei mir entschuldigt. Dafür, dass sie minutenlang an ihrer Zellophantüte herumgezuppelt hatte, die so etwas wie ein individuelles Sauf- und Fresspaket zusammenhielt und das sie nun versuchte, in Form zu bringen.
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© Dominik Alexander / 2024