Martin Modschiedler, CDU-Kandidat für den Sächsischen Landtag, will sich auf ein Bier mit seinen potentiellen Wählern treffen. Weil es um Sachsen geht, verkündet das Wahlplakat, an dem ich nun seit etwa zwei Wochen jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit mehrfach vorbeifahre. Weshalb soll ich mit Herrn Modschiedler ein Bier trinken, wenn mir etwas an Sachsen liegt? Und wofür steht der Mann sonst noch? Eine Recherche.
Martin Modschiedler stammt aus Frankfurt am Main, ist studierter und praktizierender Jurist sowie evangelischen Glaubens. So wie gewordene Nichtraucher besonders vehement und beinahe radikal Raucher verdammen und zum Nichtrauchen bekehren wollen, ist Martin Modschiedler mittlerweile gelernter und überzeugter Dresdner. Ganz besonders betont er (wahrscheinlich, um sich bei den Ureinwohnern anzubiedern) die Schönheit Sachsens im Allgemeinen und Dresdens im Besonderen. Die Schönheit Dresdens, das christliche Weltbild und die traditionelle Familie will er bewahren, wieder stärker leben lassen und propagieren.
Wenn Martin Modschiedler über seinen Wahlkreis 44 in Dresden 4 (Striesen, Blasewitz, Tolkewitz, Seidnitz, Dobritz und Gruna) nachdenkt, fallen ihm in erster Linie der Waldpark, der Schillerplatz und die Pferderennbahn ein. Vermutlich, weil man an diesen drei Orten in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen eine ganze Menge Bier trinken kann. Und so ist er vermutlich auch auf diesen tollen Einfall gekommen, mit diesem Lockangebot auf Stimmenfang zu gehen.
Sachsen ist nur mit viel Alkohol im Blut zu ertragen
Ist die Schönheit Dresdens nur mit viel Alkohol im Blut zu ertragen? Oder glaubt Martin Modschiedler, dass sich die Mehrheit der städtischen Bevölkerung mit einem lumpigen Bier zu seiner Stammtischpredigt locken lässt? Ist es überhaupt ein Bier oder gibt Martin mehrere Bier aus? Gibt es die überhaupt kostenlos oder nur dann, wenn man hoch und heilig verspricht, ihn zur Landtagswahl am 1. September auch wirklich zu wählen? Will er dahingehend sicher sein und hält jedem einen Vertrag unter die Nase, dem er ein Bier ausgibt?
So viele Fragen und keine Antworten. Denn ich bin heute Abend nicht zu Martin Modschiedler und seinem Frei (vielleicht) bier gegangen. Einerseits mag ich kein Bier, andererseits weiß ich mit meinen Abenden Sinnvolleres anzustellen. Diese Kolumne zu schreiben beispielsweise.
Immerhin ist mir bei meiner kurzen Recherche wieder etwas aufgefallen: Auch in den Reihen der sächsischen CDU gibt es auffällig viele Juristen. So wie in denen der SPD und der AfD. Bei ihren eigenen Zusammenkünften, Ausschüssen und Ortsgruppengesprächen sitzen so Juristen mit Juristen. Sie tauschen sich vermutlich über die neuen Beschlüsse, Verordnungen und Gesetze aus, über fragwürdige Urteile, aktuelle Verhandlungen und anstehende Prozesse. Bei einem dieser Abende hat Martin Modschiedler vermutlich die Frage in die Runde geworfen: Sagt mal, was bewegt eigentlich das tumbe Fußvolk? Und die anderen antworteten im Chor: Bier, viel Bier!
Lieber blau sein als Blau wählen
Eventuell setzt Martin Modschiedler darauf, dass Menschen zu ihm kommen, die erst mal nur auf das Bier spekulieren. Ihm dann jedoch in leicht lalligem Zustand endlich sagen, was sie wirklich bewegt. Denn heutzutage kann man schließlich nichts mehr sagen. Steht jedenfalls bei Telegram, Facebook und X (ehemals Twitter). Betrunkene aber sagen die Wahrheit. Das steht schon in der Bibel. Und da schließt sich dann auch der Kreis.
Wenn man sächsische Bürger nur besoffen machen müsste, damit sie nicht mehr Blau wählen, weil sie viel lieber blau sind, müsste Die PARTEI bei nahezu einhundert Prozent Zustimmung liegen. Immerhin ist Bier ein Eckpfeiler in deren Parteiprogramm. Das Problem liegt ganz woanders, nämlich in seiner Kurzlebigkeit. Wenn Martin Modschiedler seinen Stammtisch mit Freibier an jedem Abend anbieten würde, jedes Mal in einer anderen Schankstube, um gleichzeitig die sächsische Wirtschaft anzukurbeln, wäre ihm die absolute Mehrheit sicher. Jedenfalls unter denen, die ihn auch ohne dieses Ritual wählen würden.
Sollte sich doch einmal ein Unentschlossener oder gar Gegner der CDU zu Martin Modschiedlers feuchtfröhlicher Abendrunde verirren, würde er schnell mitbekommen, dass ihn der Landtagsabgeordnete und Jurist aus dem Westen nicht einmal ansatzweise politisch vertreten kann. Dann bedankt er sich wahrscheinlich für das Bier und das nette Gespräch, wählt aber trotzdem die AfD oder bleibt zu Hause. Weil diese Art Anbiederei vielleicht im Westen funktioniert, aber nicht hier.
© Dominik Alexander / 2024
Kolumne 666 besteht aus eben so vielen Worten. Dabei werden zwei Themen miteinander verwoben, die zuweilen kaum etwas miteinander zu tun haben. Ein Thema ist aus dem Pool an Schlagzeilen der vergangenen letzten Tage entnommen; das andere Thema entstammt meiner eigenen Biographie. Kolumne 666 ist ein serienhafter Kommentar zum Zeitgeschehen und soll zum Nachdenken mit anschließender Diskussion anregen; entweder hier oder im eigenen Bekanntenkreis.