Zuweilen wünsche ich mir, nicht so viele Schritte nach dem ersten mitzudenken. Der erste Schritt bringt etwas in Gang, das ich noch aktiv beeinflussen kann. Doch ist der Schritt erst einmal in die Freiheit entlassen, sind stets andere Menschen involviert. Denn ohne andere Menschen geht es leider nicht. Ich gehe also den ersten Schritt, und andere Menschen reagieren auf mich. Meist so, wie ich es nicht erwarte. Wenn ich noch jung bin. Später kann ich schon ahnen, was wohl auf meinen ersten Schritt folgen wird. Und auf meinen zweiten. Meinen dritten. Schließlich kommen wir genau beim Gegenteil von dem an, was ich mit meinem ersten Schritt beabsichtigt hatte. Wohin ich wollte. Eine Diskussion schaukelt sich immer hoch, wenn es niemanden gibt, der mediativ einwirkt. Den thematisch nicht tangiert, was verhandelt wird.
Argumente zählen nichts mehr, wenn nur noch Behauptungen wiederholt werden.
Also, ich gehe nicht wählen, sagt er. Wer wählen geht, macht sich strafbar. Vielleicht denken die Umsitzenden kurz: Wieso das denn? Schlucken die Frage trotzdem runter. Beipflichten ist sicherer. Ja, genau, sagen die Umsitzenden. Denn beipflichten wird den Redner vielleicht dazu ermutigen weiterzureden. Und die krude Logik wird fortgeführt. Wer seine Stimme bekräftigen muss, hat keine, sagt er. Zustimmendes Gemurmel. Und überhaupt: Dieser Staat hat ohnehin keine Befugnis. Neunzehnhundertachtzehn hat die Rechtstaatlichkeit aufgehört. Wir müssen dafür kämpfen, dass sie wiederhergestellt wird.
Der Typ mit Glatze und leichtem Bauchansatz fährt nur bis Radeberg mit. Bis dahin hat er noch einen Telefonanruf beantwortet. Ja, ja, wirf den Grill schon mal an. Ein richtig großes Steak; das wäre jetzt geil. Ein kleines deutsches Mädel mit zwei naturblonden Zöpfen steigt mit ihm aus dem Zug. Ich weine im Stillen der verlorenen, indoktrinierten Seele hinterher.
Der Sprache entkommt man nicht.
Die gesprochene Sprache ist die der Dummen. Während die Intelligenten denken, haben die Dummen bereits die Straßen besetzt und sie mit ihrer Sprache geflutet. Wer die Sprache beherrscht, beherrscht die öffentliche Meinung, beherrscht die Mehrheitsgesellschaft – beherrscht die Menschen; beherrscht das Land.
Immerzu gehe ich den ersten Schritt. Ab und zu auch den zweiten. Doch dann hört es oft auf. Weil bereits der zweite Schritt anders ist – anders sein muss – als er theoretisch gedacht war. Weil man Kompromisse eingehen muss, Abstriche macht, anderen für eine Weile die Sprache überlässt. Weil das demokratisch ist. Und weil man selbst schließlich nicht zu egomanisch wirken will. Kurzum: Ich denke zu wissenschaftlich. Denke Schritte voraus in mehreren Richtungen und Ebenen. Und dann kommen eben Menschen dazwischen, die gar nicht denken, sondern einfach gehen – in immer gleichen Platitüden, auf immer gleichen Wegen. In rückwärts gewandten Schritten gehen sie in der Mehrheitsmasse unter, predigen nach, was sie bei Telegram gelesen, in Compact gelesen haben. Es sind stets gleich gehörte, gleich gesprochene, verinnerlichte Phrasen, eingepflanzt in Seelen, eingeprägt in Gehirne willenloser Untoter.
Zuweilen wünsche ich mir, nicht so viel zu denken, sondern mehr zu sagen. Dem Wust an gedankenloser, verschwendeter Sprache etwas mehr Substanz entgegenzusetzen. Doch wer kann schon aus seiner Haut? Wer unwohl seine Meinung vertritt, wirkt doch nicht glaubhaft. Oder ist auch das bereits zu viel gedacht?
© Dominik Alexander / 2024
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