Früher mochte ich Kaffee gar nicht. Er war mir schlicht zu bitter. Ich bin Teetrinker. Earl Grey, English Breakfast, Le Tuareg – das sind meine präferierten Sorten. Dass ich erst krank werden muss, um Kaffee zu lieben, hat genau diesen Grund: Weil ich ihn kaum trinke, wirkt Kaffee bei mir noch. Eine Liebeserklärung.
Am Abend zuvor spüre ich bereits ein leichtes Kratzen im Hals. Kurze Zeit später stehe ich in einem viel zu warmen Raum unter dem Dach, gemeinsam mit etwas mehr als einhundert Menschen, brülle Text aus mir heraus, damit es das Publikum in der letzten Reihe ebenso gut versteht wie mein nächster Mitspieler. Nach unserer nunmehr dritten Aufführung schwinge ich mich aufs Fahrrad und düse durch die kalte Nachtluft nach Hause.
Am nächsten Morgen stehe ich leicht neben mir. Mein Kopf fühlt sich an wie ein Ballon kurz vorm Platzen. Meine Stimme ist belegt. Mein linkes Auge trieft vor sich hin. Meine rechte Körperhälfte fühlt sich an wie angesägt. So kann ich natürlich nicht zur Arbeit gehen. Ich melde mich krank, schleppe mich anschließend von Arzt zu Arzt. Der Augenarzt nimmt jedoch keine neuen Patienten auf, nicht einmal mich als Akutfall dazwischen. Immerhin bekommt der Orthopäde meine rechte Körperhälfte wieder recht gut in den Griff. Beim dm decke ich mich schließlich mit Vitaminpulver, Hustensaft, Ingwershots und Salbeipastillen ein. Damit versuche ich mein Leid nun zu lindern.
Was wäre der Deutsche ohne den Türkentrank?
An Kaffee denke ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. Anders, als das offenbar zur Mitte des neunzehnten Jahrhunderts der Fall war. Immerhin fühlte sich im Jahre 1846 der sächsische Komponist und Musikpädagoge Karl Gottlieb Hering zu seinem mittlerweile berühmt-berüchtigtem Kanon C-a-f-f-e-e bemüßigt:
C-a-f-f-e-e,
trink nicht so viel Caffee!
Nicht für Kinder ist der Türkentrank,
schwächt die Nerven, macht dich blass und krank.
Sei doch kein Muselmann,
der ihn nicht lassen kann!
Heutzutage könnte man den Text durchaus ein klein wenig rassistisch finden. Doch Pädagoge Hering trieb selbstverständlich nur die Sorge um seine Schützlinge um. Immerhin hatten sich Kaffeehäuser in allen damals wichtigen großen Städten Deutschlands seit mittlerweile etwa einhundert Jahren im Zuge des Großen Türkenkrieges etabliert. Anders als das osmanische Militär befand sich die Kaffeebohne und das aus ihr gebraute dunkle Getränk auf einem Siegeszug. Mal abgesehen vom rohen Hauen und Stechen fanden vor allem die Sachsen alles Orientalische exotisch und schick. Da hatte es der Kaffee leicht, sich zu etablieren.
Da Kinder damals noch nicht so verhätschelt wurden wie heute, durften sie sich gewiss auch am türkischen Wachmacher laben. Bis jemandem irgendwann auffiel – vielleicht sogar als erstem Herrn Hering – dass sich die flüssige Droge auf die Entwicklung des kindlichen Gehirns ungünstig auswirken mochte. Vielleicht zappelten sie mehr als sonst, konnten so gar nicht mehr schlafen und zeigten noch andere Auffälligkeiten.
Kaffee ist besser als Medizin
Von all dem bin ich jedoch an diesem Tag weit entfernt. Die kalte Luft hatte meinem Kopf nicht gut getan. Das linke Auge – noch immer nicht fachmännisch begutachtet – tränte unablässig. Wenigstens eiterte es nicht. Kopfschmerzen ereilten mich trotzdem. Irgendwann am späten Nachmittag wirkte die Kombination aus zwei Litern Ingwertee mit Vitamin C, Hustensaft und Salbeibonbons abführend. So bewegte ich mich wenigstens noch ab und zu. Und hatte auf einem dieser Wege noch eine letzte Idee, um der Kopfexplosion doch noch zuvorzukommen: ein Kaffee.
Also schleppte ich mich auf dem Rückweg von der Toilette in die Küche, setzte einen kleinen, aber starken Kaffee an – die Black Edition von Terence Hill mit achtzig Prozent Robusta und zwanzig Prozent Arabica – und ließ das heiße Getränk in meine Lieblingstasse von Deafmessanger – mit zwei Ankern außen und der Aufschrift Collect Moments Not Things innen – laufen.
Anders als heißen Tee ließ ich den heißen Kaffee nicht erst eine Weile stehen, damit er sich etwas abkühlte, sondern ich trank sofort. Nippte erst wenig, dann beherzt, schließlich einen größeren Schluck nach dem anderen. Dazu wärmte ich beide Hände an der Tasse, wagte einen verschleierten Blick aus dem Wohnzimmerfenster nach draußen. Eine halbe Stunde später hatte ich keine Kopfschmerzen mehr. Danke, Türkenkriege; danke Kaffee.
© Dominik Alexander / 2024
Kolumne 666 besteht aus eben so vielen Worten. Dabei werden zwei Themen miteinander verwoben, die zuweilen kaum etwas miteinander zu tun haben. Ein Thema ist aus dem Pool an Schlagzeilen der vergangenen letzten Tage entnommen; das andere Thema entstammt meiner eigenen Biographie. Kolumne 666 ist ein serienhafter Kommentar zum Zeitgeschehen und soll zum Nachdenken mit anschließender Diskussion anregen; entweder hier oder im eigenen Bekanntenkreis.