Komm mit

Ein Bus fordert mich auf: Komm mit! Und ich fühle mich direkt angesprochen, ertappt, sehnsüchtig. Wohin soll ich mitkommen? Egal! Einfach in den Bus einsteigen, die eigenen Ziele vergessen und es dem Bus überlassen, wohin es geht.

Natürlich ist das nicht gemeint. Der Bus spricht auch nicht selbst. Schon gar nicht zu mir. Seit Jahren schon gehört es zum Marketing dazu, unbelebte Gegenstände, sogenannte Produkte der Spezies homo sapiens, zum potentiellen Kunden sprechen zu lassen. Der erste seiner Art, der mir auf diese Weise aufgefallen ist, war ein Plastikbecher der lokalen Mensa, der in flehendem Ton dazu aufforderte, ihn nicht in der natur zu entsorgen, sondern der Mensa zurückzugeben, sobald man seinen Durst befriedigt hatte. Er stand dann noch ein paar Jahre bei mir im Schrank, wurde nie mehr benutzt, brachte mir aber jedes Mal, wenn mein Blick auf ihn fiel, ein latent schlechtes Gewissen.

Ein Beförderungsmittel des Öffentlichen Nahverkehrs Komm mit stumm in die Landschaft hineinrufen zu lassen, ist in dieser Zeit allerdings unsinnig. Selbst, wenn ich mit käme, würde das dem Beförderer nicht mehr einbringen. Denn ich nutze das Deutschlandticket. Bezahle also ohnehin meinen Abopreis und zwar nicht an das spezielle Unternehmen. Das wiederum eine Förderung erhält, damit ich das Deutschlandticket überhaupt nutzen kann.

Trotz aller pragmatischer Gründe, die jene Aufschrift am Bus unsinnig erscheinen lassen, nehmen mich die beiden Worte für sie ein. Denn Komm mit hat etwas Gemeinschaftliches, Mitreißendes. Es sind Worte, die prinzipiell jeden Menschen ansprechen und einladen – egal wer der Mensch ist und wie er aussieht. Ob er einen miesen Tag hatte, ob er schon ein paar Glühwein zu viel getrunken hat. Der Schrift und dem Bus ist es gleichgültig.

Deshalb ruft das Komm mit am Bus, der ja an mir vorbeifährt, ohne dass ich die Chance hätte, wirklich mitzukommen, in mir diese Sehnsucht wach, die nur entstehen kann, weil dieses unvoreingenommene Willkommen eben nicht selbstverständlich ist. Mag es auch illusorisch sein, dass die beiden Worte am Bus etwas anderes bedeuten könnten als schnödes Marketing – es ist dennoch ein schöner und gleichzeitig melancholischer Gedanke, dass ein Mensch die Idee hatte, diese beiden Worte auf dem Bus zu verewigen.

Und vielleicht passt es ja doch recht gut genau in diese Zeit des Deutschlandtickets. Dass es dem Busunternehmer eben doch gleichgültig ist, ob da jemand in seinen Bus steigt, der bereits eine Fahrkarte hat oder ein anderer, der erst bei ihm eine kaufen muss. Beide sind willkommen und dürfen mitfahren. Egal wie weit; egal wohin; egal aus welchem Grund.


        © Dominik Alexander / 2024

2 Comments Add yours

  1. Bist Du je auf die Wiener Mistkuebelsprueche gestossen? Geht in die gleiche Richtung. Sind sehr witzige dabei. “Host an Tschick?” “Der tut nix, der will nur Müll” usw.

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    1. Ja, habe ich gesehen. Gibt es beispielsweise in Köln auch. Die finde ich aber witzig und regen hoffentlich dazu an, den Müll da zu entsorgen statt in der Landschaft.

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