Tageszeitungen, Wochenmagazine und sonstige journalistische Medien behaupten oft und gern, dass sie Meinungsmacher seien. Ist das seriös? Eine Meinung machen, also vorgeben, damit das ungebildete Volk diese gemachten Meinungen widerkäut? Ein auf Linie gebrachtes Volk, das ja scheinbar nicht selbst zu Meinungen kommt, da ihnen wohl das Wissen fehlt, um überhaupt zu denken?
Moment! Möchte man rufen. Einerseits muss man, um Meinungen zu haben, nicht denken können; andererseits soll doch der Journalismus für Fakten und Wissen da sein, für Einordnung im Faktendschungel, Zuordnung des Relevanten und Widerlegung von bloßen Behauptungen ohne faktenbasierte Grundlage.
Hach, was wäre das schön! Wenn Journalist ein geschützter Beruf wäre und nicht jeder Schreiberling behaupten könnte, ein Journalist zu sein. Und so ist es wiederum sehr einfach, den Bogen vom Journalisten zum Meinungsmacher zu schlagen: Ich behaupte einfach irgendwas, bringe ein paar damit zusammenhängende Wörter in einen halbwegs passenden Zusammenhang – idealerweise in zugespitzter, emotionalisierender Form – verbreite es in den Asozialen Medien und schon bin ich ein Journalist. Entsprechend gibt es heutzutage Leute, die sich Journalisten nennen, wie Sand am Meer.
Was bedeutet es also, wenn sich ein richtiger, also ernsthafter Journalist, der zur Verbreitung seiner Texte noch ein gedrucktes Medium braucht, fragt, ob der aktuelle Journalismus zu elitär sei?
Gemeint ist natürlich der seriöse Journalismus, also der ohne Emotionen. Der Journalismus, der nüchtern und sachlich das Tagesgeschehen berichtet. Um Fakten einordnen zu können, muss man auf einem Gebiet schon eine gewisse Sachkenntnis erlangt haben. Ich benötige Grundkenntnisse von der Politik und Geschichte des Landes, über das ich berichte. Doch woher beziehe ich dieses Wissen? Welchen Quellen kann ich vertrauen? Wie überprüfe ich, was wahr und was falsch ist?
Dieses Wissen erlangt man üblicherweise nicht in einer Bäckerlehre oder als Tischlerlehrling. Beides ehrenwerte Berufe und auf ihrem Gebiet haben diese Leute gewiss überdurchschnittliches Wissen. Doch für den Beruf eines Journalisten braucht es ein breiteres Fundament, vor allem theoretischer Natur. Das man üblicherweise während eines Studiums der Geisteswissenschaften erlangt – egal ob es nun Geschichte, Soziologie, Politik, Psychologie oder Philosophie ist. Und was trifft sich beim Studium? Genau: die Elite, die Studierten, die zum einfachen Volk den Kontakt verloren haben.
So jedenfalls die Wahrnehmung, wenn sich beide Gruppen doch noch ab und zu sporadisch begegnen. Oft geschieht das heutzutage schließlich nicht mehr. Die seriösen Journalisten schreiben für die Elite; die unseriösen fürs einfache Volk. Erstere humorlos; letztere überemotionalisiert. Und wenn beides zusammenstößt, entstehen mehr und mehr Unsicherheiten. Weil man die Konfrontation spätestens seit Corona verlernt hat. Und war es nicht kuschlig in den eigenen Filterblasen, mit so viel Zustimmung und kaum Ablehnung?
Doch genau das ist seriöser Journalismus gerade nicht: eine Wohlfühloase, in der sich alle Menschen, die ohnehin schon viel wissen und vieles selbst einordnen können, sich gegenseitig bestätigen. Andererseits ist seriöser Journalismus auch nicht dafür da, allen denkbaren Meinungen Sendeplatz freizuräumen. Im Gegenteil: Es muss wieder mehr Fakten im Journalismus geben und weniger Meinungen!
Journalisten sollen Wissensvermittler sein statt Meinungsmacher. Sie müssen auch mal zuhören statt immer nur belehren. Mit den Menschen sprechen statt über sie urteilen. Den Menschen ihre eigene Meinung gestatten, diese dann jedoch einordnen, mit Fakten anreichern – den Schluss jedoch jedem einzelnen Menschen – dem mündigen Bürger – selbst überlassen. Und schließlich: Einfach mal wieder die Welt nicht vom Elitenpferd aus sehen, sondern absteigen und die Welt auf gleicher Höhe wie alle anderen Menschen betrachten.
© Dominik Alexander / 2025