incognito ergo non sum

Bin ich tatsächlich unbekannt
Wenn ich mich begebe in das Land
Meiner temporären Wirkungsstätte
Diesmal auf der anderen Seite
Ausgesetzt den Leuten
Die in Meuten
Sonst auch auf der anderen Seite sind
Heute bin ich unter ihnen
Bin einer von vielen
Die Gesagtes aufnehmen
Fremde Worte
Hier an diesem Orte
Der unmittelbaren Emotionen
Entstehen hier Koalitionen
Sind es fiktive, erdachte
Üblicherweise verlachte
Auf der Bühne überspannen wir den Bogen
Ungelogen
Nichts, wirklich gar nichts, ist hier jemals wahr
Wie sonderbar der Mensch doch ist
Wenn er geht und spricht
Wie er sich fühlt
Was sich in ihm bewegt
Das heraus aus ihm muss
Sonst vergeht er noch am Verdruss
An der Schwere der Welt
Die sich auf sein Herz auftürmt
Wenn es schneit und stürmt
Immer wieder
Zu dieser Jahreszeit —

Also bin ich kein Unbekannter mehr
Das Herz wird mir nicht mehr schwer
Wenn ich unter Menschen bin
Wenn es ein Ort ist mit Verstand und Sinn
Wühle ich mich in andere Gedanken hinein
Mache ich mich klein
Will hier und jetzt an das Selbst nicht denken
Und doch werfen mich die fremden Gedanken
Stets auch auf mich selbst zurück
Wobei – es ist ja Glück
Sich nicht allein zu fühlen —

Geh einfach raus
Beobachte andere Menschen
Wie sie durchs Leben stolpern
Wie sie gleiten
Einander begleiten

Es ist schon wahr
Wenn einer sagt
Sei nicht verzagt
Ich biete dir meinen Arm
Und dann versuchen wir mal dieses Garn
Zu entwirren
Den Gordischen Knoten einfach zerschlagen
Zuweilen muss man grob sein
Exaltiert unterm Sonnenschein
Lachend bei Tag und Nacht
Das hat noch keiner gemacht
Sich trotzdem immer sagen:

In diesem Leben bin ich längst kein Unbekannter mehr

Dieses Dasein ist längst nicht so schwer
Wie es die Rechten uns einreden wollen
Zum Leben braucht man viel weniger als man denkt
Unser Leben ist doch nicht vom Geld gelenkt
Wenn wir das erst mal begreifen
Wenn uns zum Glücke reicht
Durch die Natur zu streifen
Die es nach unserer Erkenntnis eventuell noch gibt —

Erinnern hilft ja nichts
Wenn wir nicht ab und zu uns einen Blick getrauen
Hinterm Morgengrauen
Auf etwas Hoffnung schauen
Dass aus den schönen Worten
An diesen künstlerischen Orten
Vielleicht irgendwann
Doch mal ein Tropfen der Tat rann —

Eins jedoch weiß ich genau
Für Leute mit Geld
Werden wir Unbekannte bleiben
Wenn wir ihnen nicht ständig in den Ohren liegen
Und unsere Erregung lediglich eine sporadische ist
Da braucht es schon mehr
Als Fünf-Minuten-Shitstorms in Social Media
Wo die Algorithmen als falsch empfundene Erregung
Rasch abklingen lassen
Und dafür deren Urheber hassen —

Also sind wir keine Unbekannten
Wenn wir als Feindbild auserkoren
Von den Techgiganten unserer Zeit
Dann ist es nicht mehr weit
Für Aufstände ohne Waffen
Gegen die machtgeilen Affen
Wir sind für alles bereit.


        © Dominik Alexander / 2025

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