Sonntagsfrage: Wer ist das Volk?

Dass die BILD keine seriöse, journalistische Zeitung ist, sondern ein Propagandablatt gegen Linke und für rechte Wirtschaftslobbyisten, sollte mittlerweile klar sein. Bis vor kurzem hat sich jedoch noch immer das Vorurteil gehalten, dass seriöser Journalismus tendenziell links verortet werden kann. Doch in letzter Zeit beobachte ich, wie Grüne und Linke von diesem sogenannten linken Journalismus besonders stark in die Mangel genommen werden, während Rechte beinahe unwidersprochen ziemlich alles behaupten können. Qui bono? möchte man fragen. Etwa der Mehrheit des Volkes? Denn um die geht es doch angeblich? Oder wer ist in diesem Zusammenhang überhaupt das Volk? Eine Fragensammlung mit viel zu wenigen Antworten ohne Anspruch auf Vollständigkeit.

Der Slogan “Wir sind das Volk” ist zuletzt aufgrund der Pegida-Spaziergänge in Verruf geraten. Zum einen war es nicht das Volk, das sich zunächst von völkisch Nationalen einer Schafherde gleich einheizen ließ, um dann schweigend durch das nächtliche Dresden zu ziehen. Sicher war es ein kleiner Teil des Volkes – das ist schlimm genug, doch eine Demokratie muss das aushalten.

Unter ein wenig anderen Umständen ging anno 1989 das Volk auf ostdeutsche Straßen und Plätze, ausgehend von Leipzig – ebenfalls in Sachsen gelegen, doch so ganz anders strukturiert als die Landeshauptstadt. Auch sie skandierten “Wir sind das Volk” und waren es doch nicht. So eindrucksvoll die Bilder damals und heute scheinen – auch das Volk von damals war nur ein geringer Teil der Bevölkerung.

Wenn das Volk tatsächlich einmal insgesamt nach draußen gehen und sich zu einer Demonstration der Stärke zusammenfinden würde, hätten wir alle ein großes Problem. Denn für diese Art der Gleichzeitigkeit sind unsere Straßen gar nicht gemacht. Für viele Autos schon; für viele Fußgänger nicht. Doch das ist ein anderes Thema.

Wenn wir vom Volk sprechen, wen genau meinen wir dann? Meinen wir diejenigen mit, deren Ansichten nie in die Öffentlichkeit gelangen, da wir insgeheim denken: Die werden schon etwas sagen, wenn ihnen was gegen den Strich geht? Meinen wir auch diejenigen, die etwas sagen, deren Ansichten es jedoch nicht in die großen Tageszeitungen, nicht ins Fernsehen schaffen? Aus welchen Gründen auch immer? Ab wievielen Prozentpunkten Zustimmung sprechen wir vom Volk? Einfache Mehrheit? Zwei-Drittel-Mehrheit? Neunzig Prozent? Hundert Prozent?

Und was ist eigentlich mit den Protesten für Klimaschutz und gegen rechtes Gedankengut? Während in den Medien als Thema Nummer Eins Ausländer und Anschläge – die angebliche Einwandererkrise – vorherrschend ist. Es vergeht kaum noch eine politische Talkshow oder ein Kanzlerduell, -triell oder -quadrell, in denen das Thema Ausländer nicht die meiste Sendezeit einnimmt. Während ich erst heute einen Bericht darüber gelesen habe, dass möglicherweise Russland in Afghanistan Menschen gekauft hat, um in Deutschland Anschläge zu verüben. Direkt vor den kommenden Bundestagswahlen. Um Angst zu schüren, die die AfD gerne weiter anfacht.

Mittlerweile verstehe ich nicht nur, wie die NSDAP 1933 an die Macht gekommen ist, sondern auch, weshalb es offenbar so wenige Stimmen aus dem Volk gab, die sich dagegen wehrten. Denn sehr wahrscheinlich gab es sie – genau wie heute. Doch so wie damals waren die großen Konzerne geil auf Kriegsproduktion, während die Medien sich wegduckten und lieber gegen Kommunisten und Juden anschrieben – willkommene Sündenböcke ohne Lobby.


        © Dominik Alexander / 2025

Thanks for sharing your thoughts!

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.