Oy

Da ist so ein Kratzen im Hals, habe ich noch am Vortag gesagt. Zu mir selbst, als ich schon zu Hause war und auf den Abend wartete. Habe es auch ins Mobilgerät getippt, als leicht ironische Nachricht. So ein Kratzen. Ist ja nix. Wird morgen schon wieder weg sein.

Und dann wache ich auf und komme nicht aus dem Bett. Fühle mich fiebrig und heiß. Will im Bett bleiben, aber muss doch arbeiten. Und kurz vor Mittag ins Theater. Eine öffentliche Probe des Stücks sehen, das am Samstag erst Premiere hat. Und dann am Abend selbst auf der Bühne stehen. Mit neun anderen Menschen, die sich auf mich verlassen.

Und…

Und…

Und.

Dann stehe ich auf. Messe Fieber. 35,8 Grad Celsius. Meine normale Temperatur. Kein Fieber. Trotzdem dröhnt mein Kopf. Nicht wirklich. So wie ich kein Fieber habe, habe ich auch keine Kopfschmerzen. Doch ich fühle beides, so als steckte mein Geist in einem anderen Körper.

Ich stehe klar neben mir. Als ich ins Schlafzimmer zurückgehe, sind meine Gedanken noch im Bad. Dort, wo ich mir gestern Abend noch die Haare geschnitten habe. Muss doch morgen vorzeigbar aussehen auf der Bühne. Dann ein schönes, warmes Bad. Fühlte mich fast gut danach. Doch für ein geöffnetes Fenster in der Nacht war es noch zu früh. Zweistellige Minusgrade draußen wollte ich meiner Verkühlung nicht zumuten. Die gute Luft vom Morgenlüften sollte doch wohl genügen. Oder?

Was immer ich mir eingefangen hatte, wo immer ich es mir eingefangen hatte – kühle Luft war nicht schuld daran. Selbstverständlich war ich selbst schuld, der ich mich nach Monaten der Abstinenz dem öffentlichen Nahverkehr anvertraut habe. Morgens mit der Straßenbahn zur Arbeit; abends wieder zurück. Nur drei Kilometer. Oder war es doch der Spaziergang am Sonntag in den Botanischen Garten gewesen? Es war kalt, ja, doch ich hatte extra meinen warmen Pullover angezogen.

Was auch immer es gewesen war, heute hielt es mich jedenfalls ab. Von allen Plänen. Von der Arbeit. Vom Theater. Und nochmals vom Theater.

Kann auch Vorfreude krank machen? Zu viel Hitze im Kopf, die sich in die Stirn setzt und dort nicht als Fieber erkennbar ist? So ein unruhiger Geist, der immer schon im nächsten Zimmer ist und dem Körper keine Ruhe gönnt? Und wenn der Körper doch wieder zum Geist findet oder der Geist in den Körper hinein, dann fühlt sich der Kopf ganz matschig an und der Thorax wie Watte.

Bis zum Abend ging einfach nichts mehr. Keine Arbeit. Kein Theater. So wenig Theater wie möglich. Sonst platzt mir doch noch der Kopf, habe ich gedacht und einfach mal

Oy

gesagt. Dann war mir schon etwas besser.


        © Dominik Alexander / 2025

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