Ich erinnere mich nicht, warum ich dort war. Vielleicht war es Zufall, vielleicht eine unbewusste Flucht, vielleicht ein Ruf, der nicht ausgesprochen, nur gespürt worden war. Die Nacht war von jener Art, wie sie in den alten Hymnen der Orphiker beschrieben steht – sternbesetzt und bodenlos, ohne Trost, ohne Richtung, ohne Klang. Kein Mond. Kein Licht, außer jenem kalten, stechenden Funkeln ferner Sonnen, das mehr beunruhigt als erhellt.
Der Strand – wenn man ihn so nennen kann – war kein Ort des Sommers, kein Landstrich für barfüßige Kinder oder salzige Liebesschwüre. Er war aus Schlick. Ein breiter, fauliger Übergang zwischen Welt und Wasser, als hätte die Erde selbst begonnen, sich zu zersetzen. Etwas weiter entfernt verlief eine Brücke. Kein Verkehr. Kein Geräusch. Nur Stahl und Beton, wie die Rippen eines vergessenen Titanen.
Ich hatte die Toilettenzeile bereits hinter mir gelassen – eine graue, klobige Installation aus der Zeit funktionaler Bauwut –, als ich Martha sah. Sie trat fast gleichzeitig aus einer der anderen Kabinen. Auch sie schien überrascht. Wir kannten uns. Flüchtig, aber mit jener seltsamen Vertrautheit, die nicht aus Begegnungen stammt, sondern aus einem geteilten Schatten. Wir sprachen, ohne einander wirklich zuzuhören. Ihre Stimme hatte die trockene Klarheit von jemandem, der versucht, Distanz zu wahren, während er sich bereits in einer Choreographie des Unausweichlichen befindet.
„Was machst du hier?“ fragte ich.
Sie zuckte mit den Schultern. „Spazieren.“
Ich sagte: „Allein?“
„Offenbar nicht mehr.“
Dann sahen wir es.
Es war zunächst kaum mehr als eine Bewegung – ein Schatten im Schatten. Doch dann trat es ins fahle Sternlicht. Ich wusste sofort, dass es nichts war, was hätte da sein dürfen. Es war in sich unstimmig, eine Abweichung, ein Versehen in der Struktur des Möglichen. Der Leib: rund, feucht, behaart wie das Gewölbe eines antiken Opfertempels, an dem Jahrhunderte von Rauch und Blut gearbeitet hatten. Die Gliedmaßen: acht, lang, dünn, doch nicht zerbrechlich. Kein Insekt, kein Tier. Eher eine Skizze, ein Fragment, wie man sie in apokryphen Archiven der ersten Kulturen findet – neben Schilderungen der Völva oder den Gebeten an Kenmet.
„Was ist das?“ fragte Martha.
Ich antwortete nicht.
Ich filmte.
Das Licht des Smartphones schnitt in die Dunkelheit, ein grelles, synthetisches Werkzeug. Das Tier wandte sich ab, zitterte, duckte sich, als ob es das Licht auf einer Ebene wahrnähme, die uns fremd ist. Ich ging näher. Immer näher. Es stieß mit einem Bein nach mir, zuckte, verharrte, sprang fast – doch nie ganz. Meine Angst war real, aber sie wich einem anderen Gefühl. Faszination ist ein zu schwaches Wort. Es war Anrufung.
„Lass das,“ sagte Martha.
„Ich muss das sehen,“ sagte ich.
Ich bemerkte kaum, dass ich bereits im Wasser stand. Der Schlick gab leicht nach, aber ich versank nicht. Ich folgte der Kreatur, die sich langsam, fast widerwillig ins Wasser zurückzog. Halb sichtbar, halb schon vergangen. Mein Smartphone zeigte nur noch Schemen. Also aktivierte ich den Infrarotmodus. Plötzlich war das Tier wieder da. Wärmesignatur wie ein Herzschlag im Nichts.
„Du musst aufhören. Das reicht,“ rief Martha nun lauter.
Ich ignorierte sie.
Was sah ich wirklich? Einen Spiegel? Ein Echo? Oder war ich längst Teil von etwas, das nicht beobachtet, sondern durchlebt wird?
Dann geschah es.
Das Wesen hielt inne. Plötzlich. Regungslos. Dann schnellte es hervor – ein einziger Ruck, ein katapultartiger Angriff durch Wasser und Finsternis. Ich konnte nicht schreien. Ich konnte nicht denken.
Der Sprung. Der Aufprall.
Und dann –
Schweigen.
* * *
Ich erwachte im grauen Licht des frühen Morgens. Die Bettdecke lag wirr. Mein Hemd klebte an mir, als hätte ich geschwitzt oder getaucht. Mein Atem ging flach, aber regelmäßig. Ich lag da, starr, unfähig, den Schleier des Traumes von der Realität zu lösen. Ich wusste, ich hatte geträumt – doch ich wusste auch, dass Träumende nicht filmen.
Meine Finger zitterten, als ich zum Smartphone griff. Das Display flackerte auf. Einige neue Videos. Alle aus der Nacht. Zeitstempel zwischen zwei und vier Uhr. Ich öffnete das letzte.
Rauschen. Bewegung. Mein Finger, der über die Linse fährt. Das Wesen, das davon kriecht. Martha, im Hintergrund, bleich und aufmerksam. Dann, plötzlich, ein Ruck in der Kamera. Die Linse fällt, schwenkt, zittert.
Und da ist es.
Nicht mich greift es an. Nicht mich zieht es fort.
Martha.
Ihr Schrei, kurz. Ihre Hände, die greifen, dann nichts mehr. Dunkles Wasser. Schwarze Tiefe.
Das Video endet.
Der Bildschirm bleibt finster.
Und ich frage mich – nicht, was passiert ist. Sondern: wann.
© Dominik Alexander / 2025