du trinkst viel und häufig alkohol?

Nachdem ich von der Arbeit direkt zur Apotheke und danach zum Staatsschauspiel gefahren bin (beides hatte nichts miteinander zu tun), folgte noch ein Abstecher zu Al2Re (Aldi, Alnatura und REWE – alle unter einem Dach). Bei REWE hatte ich gerade noch etwas Knäckebrot gekauft, um die kulinarischen Durststrecken der aktuellen Woche zu füllen, als ich wie immer dort den latent störungsarmen Platz an den drei Müllvertiefungen einnahm, um dort in Ruhe meinen Einkauf im Fahrradrucksack zu verstauen.

Links neben mir stand – wie ich nur vage aus dem Augenwinkel wahrnahm – ein Mann mittleren Alters. Auch er packte seinen Einkauf in einen mitgebrachten Beutel oder Rucksack. Nicht einmal das hatte ich richtig mitbekommen, da ich mich dann doch eher um meine drei Brotpackungen gekümmert hatte. Doch die drei oder vier Flaschen Bier, die er gekauft hat, waren mir dennoch nicht entgangen. Bevor er ging, beinahe flüchtete, steckte er sich noch hastig einen der bunten, quadratischen Zettel ein, die da hingen.

Oft hängen da diese Abreißzettel mit privatem Kram, den jemand verschenken will. Ab und zu werden kleine Kätzchen angeboten oder auch mal ein Kinderfahrrad. Jemand sucht einen günstigen Drucker oder etwas ähnliches. Ein anderer bietet Haushaltsgänge für ältere Menschen an. Also die analoge Kleinanzeigenwand vom REWE. So schnell und verschämt der Mann gegangen war, interessierte mich nun doch, welche Art von Zettel er da mitgenommen hatte.

Also schaute ich genau hin und entdeckte quadratische bunte Zettel, auf denen groß (aber durchweg in kleinen Buchstaben) stand: du trinkst viel und häufig alkohol? Illustriert war das mit einem Geselligkeit unterstellenden Foto mit vier Gläsern goldgelber Flüssigkeit mit schaumig-weißer Krone darauf und vier sich an ihnen festklammernden Händen. Im Hintergrund war zumindest ein gut gelauntes Männergesicht schemenhaft zu erkennen.

Diese Frage war nun keine normale Frage, denn sie fragte mich nicht, ob ich trinke, sondern unterstellte es mir. Die Frage behauptete also etwas, von dem sie annahm, dass es auf mich zutraf. Ohne das Fragezeichen wäre es lediglich eine schlichte Feststellung. Doch das Fragezeichen suggerierte: Da kommt noch etwas, nämlich eine Aufforderung. Du trinkst also, DANN NIMM AN UNSERER STUDIE TEIL UND ERHALTE BIS ZU 155 EURO! (die Schrift war hier kleiner, dafür jedoch durchweg in Großbuchstaben).

Um mir direkt noch mehr Alkohol kaufen zu können?
Beim REWE etwa?

Ich musste direkt an den Mann von vorhin denken, der vielleicht schon soweit ist, nicht mehr in geselliger Runde mit Freunden Alkohol zu trinken sondern allein zu Hause. So ein Spiegeltrinker, der nüchtern schon nicht mehr klar kommt und einen gewissen Pegel braucht, um zu funktionieren. Der hatte den Zettel vielleicht eingesteckt, weil er schon seit einer gewissen Zeit weiß, dass er ein Problem hat und sich nun erhoffte, dass man ihm helfen könne.

Doch der Zettel hatte eine Rückseite. Ich hatte mir ebenfalls so ein Ding mitgenommen und zu Hause genauer angeschaut. Daraus ging nun hervor, dass die Professur für Suchtforschung und da speziell das Institut für Klinische Psychologie & Psychotherapie an der Technischen Universität Dresden Teilnehmende sucht, um mit ihrer HOLD-Studie zu erforschen, wie das Trinkverhalten mit der Gehirnaktivität und dem Entscheidungsverhalten zusammenhängen. Für ein Online-Interview im Vorfeld, zwei Termine (insgesamt fünf Stunden) mit MRT-Untersuchung und Aufgaben am Computer sowie Nachbefragung über eine App zur Studie gibt es dann die sogenannte Aufwandsentschädigung von 155 Euro.

Ich würde es ja besser finden, wenn den Probanden, die offenbar viel und häufig Alkohol trinken, professionelle Hilfe angeboten würde und kein Geld, das sie möglicherweise in den nächsten Vollrausch investieren. Aber was weiß ich schon?


        © Dominik Alexander / 2025

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