Eine Flamme zeigt sich auf weitem Feld
Erst als Idee
In eines Menschen Vorstellung
Ein Pferd schnellt vorbei
Die Hufen wirbeln den goldenen Sand der Steppe auf
Dann ist kurz Stille
Und eine Pferdeherde folgt
Der Sand wirbelt
Der Horizont verschwimmt
Und aus dem Sand taucht ein alter Mann auf
Er trägt einen grauen Bart
Einen dicken Bauch vor sich her
Doch keine Haare auf dem Kopf
Er schreitet durch den Sand
Schiebt ihn zur Seite
Die Flamme hat sich längst zerstreut
Sie ist ein Atmen nur
Geht in den Sand über
Wird von ihm verschlungen
Der Mann ist kein Abbild der himmlischen Wesen
Er ist ganz in der Welt
Und ermahnt jeden
Der es nicht hören will
Still zu sein
Hier werde sogleich ein Instrument gespielt
Wenn Sie das hören wollen, seien Sie still
Was er wirklich meint ist:
Ich will es hören
Seid still
Oder geht am besten alle weg
Die chinesische Kithara heftet ihre Töne an den Sand
Sie zittern über die flache Steppe
Berühren den Boden nicht
Der Atem trübt sich ein
Zeit verschwimmt in den Sandkörnchen
Ideen fließen bis über Horizont fort
Der Himmel ist hier ganz weit weg
Und zugleich ganz nah
Zwei Menschen standen sich in der Steppe gegenüber
Flammen umzingeln sie
Das Feuer züngelt nach ihnen
Kann sie nicht erreichen
Beide Menschen spüren
Hier ist einer zu viel
Einer muss sich den Flammen opfern
Um den anderen zu retten
Da gällt plötzlich das Echo des alten Bärtigen
Über den Horizont hinaus
Sein Ruf zerschneidet den aufgewirbelten Sand
Der das Feuer erstickt
Die beiden Männer waren die Idee
Das Gute und das Böse
Das Alter und die Jugend
Das Jenseits und das Diesseits
Das Neue und das Alte
Wer hat obsiegt
Im Duell des Dualen
Wir wissen es nicht
Der Bärtige hat die Mystik verdorben
Er hat die Zeit zurückgeholt
Der Horizont beginnt in der Ferne zu leuchten
Das Feuer ist längst verschwunden
Diesmal für immer
Aus dem Geist der Menschen
Ihre Leiber brauchen Nahrung
Doch die finden sie nicht mehr in der Kunst
Nur noch in der Lust
Um neues Leben zu schaffen
Aus sich selbst
Nicht mehr aus dem
Was sie umgibt —
Die Schatten kehren zurück
Wenn die Sonne sich senkt
Ein Pfeifen legt sich über das flache Land
Im Hintergrund spielt sich ein Sternenteppich in den Vordergrund
Die Musik der beiden Männer versucht die Flamme wiederzufinden
Nur eine kleine Flamme genügt
Für einen Flächenbrand
Für ein warmes Meer
Für das chinesische Heer
Die Herrschaft des Geistes
Über den Tod —
Doch das Pfeifen schwillt an
Und die alten Töne gehen unter
In den Sand über
Bis von den beiden Männern im Feuer
Nur noch der Bärtige übrig bleibt
Er schaut zu den Sternen
In einen götterlosen Himmel
Wo das Pfeifen widerhallt
In Menschengestalt
Pfeifendes Dröhnen
Von den vielen Stimmen
Die einfach keine Ruhe mehr spüren können
Weder in sich selbst
Noch in den anderen Lebenden
Ob es Mitmenschen sind
Ob Pferde
Ob Flammen
Es hilft nur beständiges Weitergehen
In das Selbst hinein
In das Licht aus dem Dunkel
Und dann wieder in das Dunkel hinein
Um die Stille zu finden
Endlich Ruhe vor den Stimmen draußen
Um die innere Stimme endlich wieder zu hören
Und sich zu fragen:
Kann ich es wagen
Ich zu sein?
© Dominik Alexander / 2025