Anstehen für die Liebe

Nach der Arbeit packte ich die einzige Biographie über Max Schreck in meinen Fahrradrucksack und fuhr zur Universitätsbibliothek. Aus irgendeinem Grund dachte ich, dass ich sie bereits vier mal verlängert hatte und nun vorlegen musste, um sie wieder nach Hause mitnehmen zu können. Stattdessen hatte ich sie bereits vor einem Monat zur Universitätsbibliothek geschleppt, um sie vorzulegen und wieder auszuleihen. Manchmal rennt die Zeit; manchmal scheint sie still zu stehen.

Weil die nette Frau an der Ausleihe den Unterschied zwischen kostenlos und umsonst kannte, unterhielt ich mich noch kurz mit ihr. Dann musste ich ohne Ampel über die vielbefahrene Straße und wartete viel zu lange. Bereits da war ich im Grunde schon zu spät. Ich hatte vorgestern für heute einen vagen Termin — so gegen sechzehn Uhr — vereinbart. Bereits bei meiner Warterei an der Straße schlugen die Kirchenglocken zur vollen Stunde. Ich habe ein Talent dafür, zu spät zu kommen, fühle mich aber wenigstens jedes mal schlecht dabei.

Mein Tagesplan sah vor, dass ich vor dem vereinbarten Termin noch kurz zum Hauptbahnhof fahren und dort in die Buchhandlung gehen wollte, um mir die heute gerade erst erschienene Zeitschrift Reportagen zu kaufen. Das wäre morgen schließlich nicht mehr möglich; also musste es heute sein. Vor allem, weil es latent auf dem Weg lag. Morgen hätte ich extra noch einmal deswegen zum Hauptbahnhof fahren müssen. Deshalb ging es nur heute.

Das Fahrrad lehnte ich an die übliche Stelle an den Sandstein des Bahnhofsgebäudes, betrat das Bahnhofsgebäude, kurz darauf die Buchhandlung und ging zielstrebig auf den Platz im Regal zu, an dem die vorige Ausgabe der Reportagen gestanden hatte. Die aktuelle Ausgabe leuchtete mich rot an. Ich griff mir ein ungelesenes Exemplar aus dem hinteren Bereich des Stapels und ging ohne weitere abschweifenden Blicke zur Kasse.

Dort stand nur eine mittelalte Frau, die auf den ersten Blick so aussah, als wollte sie nur noch bezahlen. Auf meinem kurzen Weg hörte ich, wie die Kassiererin ein paar Titel aufzählte — Sehnsucht im Mittelmeer, Die Schwüle der Liebe, Zärtliche Küsse auf der Urlaubsinsel, Liebe führt durch den Magen und ins Bett der Ehebrecherin — oder so ähnlich. Jedenfalls waren es etwa eine Handvoll Titel von Liebesromanen, wahrscheinlich diese Heftromane, die heute mit dem Hashtag #booktok gelabelt werden.

Ich musterte die Frau, die offenbar all diese Schmonzetten kaufen wollte. Sollten das Scherzgeschenke für ihre Freundinnen sein? Hatte sie einen öden Ehemann zu Hause? Oder niemanden? Ich konnte mir nicht erklären, was ein normaler Mensch mit dieser rosa triefenden Geldverschwendung anstellen wollte. Doch schnell lenkte ich meine Aufmerksamkeit auf das Gespräch, das sich nun zwischen den beiden Frauen entspann: Soll ich ihnen das alles bestellen? Ja. Auf welchen Namen? Kruse. (Kurze Pause.) Wie schreibt man das? K-R-U-S-E. Die beiden Hefte hier bezahlen Sie jetzt? Ja. Für die bestellten müsste ich zehn Euro Anzahlung nehmen. (Die Frau legt einen Einhundert-Euro-Schein auf den Tresen.) Den Abholbeleg müssen Sie sich unbedingt gut aufheben. Okay; falls ich den vergessen sollte, können Sie hier an der Kasse einen Vermerk hinterlegen? (Die Kassiererin überlegt kurz; dann holt sie einen Zettel auf den Tisch und beginnt zu schreiben; es dauert gefühlt Stunden.)

Nach weiteren gefühlten Stunden, in denen die Frau ihre bereits gekauften zwei Illustrierten in der Tasche verstaute, konnte ich endlich an die Kasse vorrücken, legte die Reportagen auf den Tresen, legte meine bereits vorbereitete EC-Karte auf das Lesegerät, sagte, ich bräuchte keinen Zettel, packte die Reportagen in meinen Fahrradrucksack und ging so schnell es ging aus diesem Laden.

Gefühlt hatte ich dort drei Stunden verbracht; zu meinem Termin kam ich trotzdem bereits eine Viertelstunde nach sechzehn Uhr.


        © Dominik Alexander / 2025
        © Hansuan Fabregas (image)

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