Die Lust der Torfrau am Elfmeter

Torleute können beim Elfmeterschießen generell nur gewinnen. Denn die Schützen müssen das Tor treffen, während die Torleute halten können. Zuweilen trifft ein Schütze nicht einmal das Tor; dann müsste sich der Tormensch nicht einmal bewegen. Wenn man das immer vorher wüsste.

Die Angst des Tormanns beim Elfmeter nach Peter Handke existiert natürlich nicht. Denn auch der Tormann kann beim Elfmeter nur gewinnen. Hält er einen, ist das Spiel schon so gut wie gewonnen. Denn beim Fußball der Männer treffen fast alle Schützen, während der Tormann sich glücklich schätzen darf, wenn er einen hält. Wenn er zwei hält, ist er ein Held. Zwar nicht sehr lange – die Halbwertzeit einer Heldengeschichte tendiert beim Fußball gegen zwei, höchstens drei Wochen – aber immerhin.

Bei den Frauen ist das etwas anders. Beinahe schon umgekehrt. Die Schützinnen müssen natürlich immer noch treffen. Doch wenn die Torfrau während eines Elfmeterschießens nicht mindestens drei hält, ist sie eigentlich eine Null. Dabei ist das Tor zwar genauso groß wie bei den Männern, doch die Frauen sind durchschnittlich kleiner, inklusive geringerer Spannweite. Woran liegt also das Missverhältnis?

Hat es damit zu tun, dass Frauen weniger risikofreudig sind? Der Ball soll ja ins Tor. Aber muss er dazu ins linke obere Eck und dabei sogar noch die Unterkante der Latte streifen – bei maximaler Geschwindigkeit? Ist ja gar nicht nötig, wenn die Torfrau gar nicht so groß ist. Also lieber sicher das Tor treffen und zusehen, dass man die Gegenspielerin verladen kann. Was dann am Ende herauskommt, sind oft Bälle in die Mitte oder nur minimal nach links oder rechts verzogen, idealerweise noch halbhoch. Ideal zum Stehenbleiben – wenn man das nur vorher wüsste.

Liegt das an der geringeren Entscheidungsfreudigkeit der Spielerinnen? Wenn ich jetzt nach rechts schaue, springt die doch genau da hin. Wenn ich aber zuerst nach links und dann nach rechts und vielleicht noch mal zur Schiedsrichterin schaue, dann weiß ich selbst gar nicht mehr, wohin ich schießen soll, und die Torfrau weiß es auch nicht. Wenn ich nun so tue, als würde ich mit links schießen, dann aber, schon beim Anlaufen, mit einem Hüpfer die Schrittfolge ändere und mit rechts schieße, geht er garantiert neben oder über das Tor. Am Ende falle ich noch hin und bin die große Lachnummer. Wäre aber auch erst mal ein bisschen berühmt. Das kann für meine Karriere nur gut sein. Wenn denn die anderen alle treffen und meine Einlage ein Kuriosum im Triumph bleibt. Ich könnte durch Talkshows tingeln und dort mit meinen Abiturkenntnissen alle verblüffen. Dann müsste ich gar nicht mehr lange spielen, weil ich direkt als Expertin zu allen möglichen Turnieren eingeladen werde. Vielleicht bekomme ich sogar eine Kolumne in der ZEIT. Und ein Kind. Dann kann ich auch endlich ein Kind bekommen.

Diese Überlegungen könnten noch weitergehen. Das kann man sich vorstellen. Dabei dauert das gar nicht lange. In nur wenigen Sekunden sind diese Gedanken gedacht. Doch währenddessen fächern sich Bilder auf, Vorstellungen, die den Geist entrücken, und der Körper reagiert plötzlich nur noch mechanisch. Das Antrainierte – alles Antrainierte – muss raus.

Und der Elfmeter eiert ins Zentrum des Unglücks, wo die diabolische Torfrau einfach stehengeblieben ist, um den Ball elegant in ihre Hände fallen zu sehen.

Es könnte aber auch daran liegen, dass es so viele internationale lesbische Liebespaare unter den Fußballfrauen gibt. Wieder brechen sich Gedankengänge Bahn: Kann ich es meiner Freundin zumuten, ihre Torfrau jetzt zu verladen? Dann hängt sie wieder tagelang melancholisch an mir und ich muss sie trösten. Mache ich ja gerne, aber dann muss ich mich gleichzeitig zurückhalten und darf meinen eigenen Triumph nicht so feiern, wie ich es gerne möchte.

Würde sie das gleiche für mich tun? Dann vielleicht doch mit Schmackes in die Maschen? Aber nein, dann schieße ich den Ball nur wieder in den Nachthimmel hinein. Ich bin ja die sicherste Schützin meiner Frauschaft. Da kann ich doch nicht davon ausgehen, dass die anderen treffen.

Es ist aber auch verzwickt.

Während all dieser Überlegungen der Schützin kann die Torfrau einfach in ihrem Tor stehen, sich ihre Gegnerin nackt vorstellen und sie entsprechend mit Blicken bedenken. Wobei das mit dem Denken im Fall der Torfrau nicht so schlimm ist. Zerstören ist immer einfacher als erschaffen. Und mit viel weniger Denkleistung verbunden. Außerdem ist die Torfrau multitaskingfähig, so wie generell alle Frauen. Während sie also bereits ihr künftiges Heldentum antizipieren kann, steckt die Schützin noch immer in der zu besorgenden Babyausstattung in zehn Monaten fest, kann sich im letzten Moment nicht für eine Richtung entscheiden und streichelt den Ball zärtlich in die Arme der gegnerischen Torfrau, mit der sie seit zwei Jahren zusammen ist.


        © Dominik Alexander / 2025
        © Alexander Fox (image)

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