ab itur

Ein falsch abgetrenntes Abitur in einem Gesetzestext inspiriert mich heute in meiner Funktion als Lektor zu folgendem Prosagedicht mit historisch-kritischem Kommentar. Denn im Lateinischen bedeutet ab itur „lasst uns gehen“. Im Fall des Abitur „von der Schule“. Doch ich musste dabei an eine andere Art von Aufbruch denken, wie ich bei lateinischen Texten in nüchternem Stil oft an Caesar denke. Da speziell an seine Commentarii de bello Gallico. Von der Zeit nach dem Krieg, dem Überschreiten des Rubicon, liest man viel. Doch wie sah es in Caesar unmittelbar vor seinem Zug nach Gallien aus? Hier nun eine Idee.

Ab itur. Tempus advenit.

Roma quieta est, sed animi moventur. Noctu silentium urbem tenet; tamen in pectore ducis tumultus oritur. Consilia capta sunt. Senatus decrevit. Exercitus paratus est. Multi sperant gloriam, alii timent casum incertum belli.

Caesar in domo sua manet. In lucerna parum lucis est, satis tamen ut tabulas aspiciat et consilia recognoscat. Gallia multis gentibus incolitur, quarum mores, linguae, leges inter se differunt. Populi ibi sunt fortissimi, sed inter se discordes. Opportunitas offertur.

Caesar scit: bellum longum erit. Hiems dura, flumina lata, montes ardui. Sed spes magna est. Si feliciter geretur, non tantum victoriae erunt, sed etiam auctoritas augetur.

Meminit ille Catonis verba, meminit senatus suspicionum. Scit se oculis multorum spectari. Scit: aut procedet et vincet, aut remanebit et oblivioni tradetur.

Equus stat paratus. Lictor adest. Scribae taciti stant, manus chartas tenentes. Intra horam prima signa movebuntur.

Caesar surgit. Oculos ad caelum tollit. Nihil dicit. Nihil est dicendum.

Ab itur.

Lasst uns gehen. Die Zeit ist gekommen.

In Rom ist es still, doch die Gemüter sind aufgewühlt. Nachts herrscht Stille in der Stadt; doch im Herzen des Anführers entsteht Aufruhr. Pläne sind geschmiedet. Der Senat hat beschlossen. Die Armee ist bereit. Viele hoffen auf Ruhm, andere fürchten den ungewissen Ausgang des Krieges.

Caesar bleibt in seinem Haus. Die Lampe leuchtet nur schwach, doch es genügt, um die Tafeln zu betrachten und die Pläne zu prüfen. Gallien wird von vielen Stämmen bewohnt, deren Sitten, Sprachen und Gesetze sich voneinander unterscheiden. Die Menschen dort sind sehr tapfer, aber zerstritten. Eine Gelegenheit bietet sich.

Caesar weiß: Der Krieg wird lang. Der Winter ist hart, die Flüsse breit, die Berge steil. Doch seine Hoffnung ist groß. Wird er erfolgreich geführt, wird es nicht nur Siege geben, sondern auch Machtzuwachs.

Er erinnert sich an Catos Worte, erinnert sich an das Misstrauen des Senats. Er weiß, dass viele ihn beobachten. Er weiß: Entweder er wird vorrücken und siegen, oder er wird bleiben und in Vergessenheit geraten.

Das Pferd steht bereit. Der Liktor ist anwesend. Die Schreiber stehen schweigend da, ihre Hände halten Papiere. Innerhalb einer Stunde werden die ersten Feldzeichen gesetzt.

Caesar erhebt sich. Er erhebt den Blick zum Himmel. Er sagt nichts. Nichts muss gesagt werden.

Lasst uns gehen.


Historisch-kritischer Kommentar

Ab itur.
Form: Unpersönlicher Passiv-Ausdruck (wörtlich: „es wird weggegangen“) – stilistisch kühl, fast lakonisch. In der Caesarischen Diktion wird so oft Distanz oder Notwendigkeit vermittelt (z. B. consilium capitur). Der Titel betont den Vollzug der Entscheidung, nicht das Empfinden dabei.

Tempus advenit.
Wörtlich: „Die Zeit ist gekommen.“ Caesar verwendet in seinen Commentarii de bello Gallico oft schlichte Hauptsätze zur Darstellung strategischer Wendepunkte (z. B. Tempus esse arbitratus est proficisci.). Die lakonische Form erinnert an die Sprache militärischer Entschlüsse.

Roma quieta est, sed animi moventur.
Kontrast zwischen physischer Stille und psychischer Bewegung. Typisch für Caesar ist die Trennung von objektivem Befund und subjektiver Einschätzung.
Animi moventur kann im römischen Sprachgebrauch sowohl emotionale Unruhe als auch politische Instabilität bezeichnen.

Noctu silentium urbem tenet; tamen in pectore ducis tumultus oritur.
Konkrete Caesar-typische Ortsangabe (urbem tenet) und metaphorische Übertragung auf das Innere des Feldherrn.
Tumultus wird gewöhnlich für Volksunruhen gebraucht, hier auf das Innere des Feldherrn bezogen – eine seltene, fast poetische Wendung, die jedoch in der Antike nicht unplausibel wäre.

Consilia capta sunt. Senatus decrevit. Exercitus paratus est.
Trikolon mit Caesarischem Rhythmus. Drei einfache Hauptsätze, alle im Perfekt Passiv – die Entscheidungen sind gefallen, unumkehrbar.
Senatus decrevit: Anspielung auf die verfassungsrechtliche Grundlage seiner Prokonsulatszeit. Caesar wurde im Jahr 58 v. Chr. durch die lex Vatinia das Kommando über die Provinzen Gallia Cisalpina und das Illyricum mit drei Legionen übertragen, später erweitert.

Multi sperant gloriam, alii timent casum incertum belli.
Gesellschaftlicher Resonanzraum: Glorie und Furcht sind zwei Pole, die Caesars eigene Darstellung seiner Feldzüge durchziehen.
Casus incertus belli: typischer Caesar-Ausdruck für das unberechenbare Element des Krieges (vgl. fortuna, casus, eventus).

Caesar in domo sua manet.
Caesar spricht von sich in der 3. Person Singular, so wie in den Commentarii, um den Eindruck objektiver Berichterstattung zu erzeugen. Auch im Prosagedicht wird diese Technik übernommen. Die Szene ist introspektiv, aber formal kühl.

In lucerna parum lucis est, satis tamen ut tabulas aspiciat et consilia recognoscat.
Caesar war bekannt für seine Arbeitsdisziplin und Planung. Lucerna verweist auf nächtliche Tätigkeit, wie sie oft berichtet wird.
Consilia recognoscat – planende Rückschau, typisch für militärische Dispositionen. Die nüchterne Ausdrucksweise vermeidet Pathos.

Gallia multis gentibus incolitur, quarum mores, linguae, leges inter se differunt.
Anspielung auf den Beginn der Commentarii (Gallia est omnis divisa in partes tres…), jedoch in neutraler, deskriptiver Form. Caesar beschreibt keine von ihm vorgenommene Teilung, sondern eine gegebene kulturelle Vielfalt.

Populi ibi sunt fortissimi, sed inter se discordes. Opportunitas offertur.
Paraphrasiert Caesars eigene Rechtfertigung für den Feldzug: Die Gallier seien zwar tapfer, aber zerstritten.
Opportunitas offertur – der äußere Anlass als moralische Legitimation. Caesar deutet den Krieg als Chance, nicht als Aggression.

Caesar scit: bellum longum erit. Hiems dura, flumina lata, montes ardui.
Der Satz erinnert an typische Caesar-Passagen, etwa Beschreibungen der Alpenüberquerung oder der Schwierigkeiten in Germanien.
Trikolon hiems – flumina – montes stellt objektive Hindernisse dar. Es ist kein Heldenpathos, sondern kühle Lageeinschätzung.

Sed spes magna est. Si feliciter geretur, non tantum victoriae erunt, sed etiam auctoritas augetur.
Spes magna ist die einzige emotionale Öffnung. Der folgende konditionale Nebensatz betont Caesars Denken in politischen Folgen.
Auctoritas – hier nicht nur persönliche Autorität, sondern auch politische Legitimation. Caesar kalkuliert stets beides.

Meminit ille Catonis verba, meminit senatus suspicionum.
Cato war einer seiner prominentesten Gegner; Caesar wusste um die feindliche Stimmung im Senat. Hier wird die politische Spannung benannt, aber nicht emotionalisiert.

Scit se oculis multorum spectari. Scit: aut procedet et vincet, aut remanebit et oblivioni tradetur.
Der Gegensatz procedet et vincet // remanebit et oblivioni tradetur wirkt fast sentenzhaft – typisch für Caesars Erzählstil. Er stellt sein Handeln als historische Notwendigkeit dar: Entweder Aufbruch mit Erfolg oder Rückzug in die Bedeutungslosigkeit.

Equus stat paratus. Lictor adest. Scribae taciti stant, manus chartas tenentes.
Detailreiche Inszenierung des Aufbruchs. Der Liktor verweist auf Caesars amtliche Stellung als Prokonsul.
Scribae und chartae sind Hinweise auf administrative Vorbereitung – auch der Krieg wird als Verwaltungsakt behandelt.

Intra horam prima signa movebuntur.
Caesar kündigt nicht sein persönliches Gehen an, sondern das Bewegen der signa (Feldzeichen). Das Ganze bleibt objektiv, formal, sachlich – und doch droht aus jedem Satz das Gewicht des Kommenden.

Caesar surgit. Oculos ad caelum tollit. Nihil dicit. Nihil est dicendum.
Bewegung – Blick – Schweigen. Diese drei Schritte erinnern an römische pietas und staatsmännische Disziplin.
Nihil est dicendum – das Schicksal ist besiegelt. Keine Beschwörung, kein Pathos, keine letzte Rede. Caesar folgt seiner inneren Notwendigkeit.

Ab itur.
Die Klammer schließt sich. Der Weg beginnt. Nicht aktiv: (ego) abeo – sondern: ab itur – „es wird gegangen“. Das Subjekt verschwindet in der Aktion.


        © Dominik Alexander / 2025
        © Lionel Royer (image)

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