Was hört, wer nicht sieht? Und was liest, wer nie lesen sollte müssen, dass andere vergessen haben zu beschreiben, was zu sehen ist? Alternativtexte sind die stummen Dolmetscher des Digitalen, ungeliebt, unterschätzt, oft schlampig umgesetzt. Doch sie sind mehr als Pflichtübungen für Suchmaschinen und Accessibility-Checklisten. Sie sind eine Einladung zur Vorstellungskraft – und vielleicht eine neue Gattung der Literatur.
Alternativtexte, kurz Alt-Texte, entstanden nicht aus ästhetischem Übermut, sondern aus technischer und letztlich menschlicher Notwendigkeit. In den frühen Tagen des Internets, als Ladezeiten länger waren als Geduldsfäden, ersetzten sie Bilder, die nicht geladen wurden. Sie waren alternative Ersatzteile einer visuellen Welt, die noch nicht stabil lief. Erst später erkannte man, dass sie weit mehr leisten können: nämlich Inhalte zugänglich machen, die sonst unsichtbar bleiben.
Heute sind Alternativtexte ein zentrales Instrument der Barrierefreiheit. Screenreader lesen sie vor, machen Bilder für blinde und visuell eingeschränkte Menschen hörbar und damit erfahrbar. Wer sie vernachlässigt, schließt Menschen aus – nicht absichtlich, aber faktisch. Und genau darin liegt ihre Relevanz: Sie zwingen dazu, visuelle Selbstverständlichkeiten in Sprache zu übersetzen. Eine Übung, die zugleich demütigt und schärft, weil sie zeigt, wie ungenau wir oft eigentlich sehen. Vielleicht erkennen Sehende bei der Beschreibung sogar, dass ein Bild doch nicht so gut zum Text passt. Dann wählen sie neu und schärfen nach. So gewinnen am Ende alle.
Angst vor der neuen Textgattung
Die Angst vor Alternativtexten ist real, wenn auch selten offen artikuliert. Besonders dort, wo bislang visuelle Routinen herrschten, Bilder oft nur schmückendes oder notwendiges Beiwerk waren, wirkt die plötzliche Verpflichtung zur Beschreibung, also zur aktiven Auseinandersetzung mit dem notwendigen Übel, wie ein Eingriff in gewachsene Praktiken. Wer jahrzehntelang Karten zeichnete oder Pläne entwarf, sieht sich nun gezwungen, das vermeintlich Offensichtliche auszusprechen. Das erzeugt Widerstand, nicht aus Bosheit, sondern aus Überforderung und einem Gefühl des Kompetenzverlustes.
Psychologisch betrachtet trifft hier Gewohnheit auf Kontrollverlust. Soziologisch ist es ein klassischer Fall von Systemwandel: Neue Normen entstehen schneller, als sie internalisiert werden. Der Alt-Text wird zur Zumutung, weil er das implizite Wissen explizit macht. Und explizites Wissen ist angreifbar. Wer beschreiben soll, muss sich festlegen. Wer sich festlegt, kann sich irren. Das wirkt wie eine Hürde, an der man zwangsläufig straucheln muss, weil sie zu hoch scheint. Diese Angst ist verständlich, aber letztlich unbegründet.
Was macht einen guten Alternativtext aus?
Ein guter Alternativtext ist weder ein Roman noch ein Telegramm. Er beschreibt das Wesentliche, ohne sich in Details zu verlieren, und lässt doch genug Raum für die Vorstellungskraft des einzelnen Menschen. Ein Bild von einer Katze auf einem Fensterbrett verlangt keine zoologische Abhandlung, wohl aber die Information, dass die Katze orange ist, das Licht warm, die Stimmung ruhig. Der Kontext ist entscheidend, nicht Vollständigkeit um jeden Preis.
Farben spielen dabei eine größere Rolle, als man zunächst annimmt. Auch wer sie nie gesehen hat, kann sie verstehen: kulturell, sprachlich und metaphorisch. Ein blauer Himmel ist nicht nur eine Farbe, sondern ein Versprechen von Weite. Grünes Gras steht für Leben. Diese Informationen zu vermitteln, ist kein Luxus, sondern Ausdruck von Respekt. Dabei geht es nicht um Mitleid, sondern um Teilhabe an Bedeutungen.
Pulitzer-Preis für Alternativtexte
Und wenn man das Konzept einfach mal weiterdenkt, wird es plötzlich interessant. Warum sollten Alternativtexte nicht mehr sein als bloße Beschreibungen? Warum nicht narrative Miniaturen, philosophische Skizzen, literarische Experimente? Ein scheinbar banales Bild – eine Bushaltestelle, zwei wartende Menschen – könnte zum Ausgangspunkt einer inneren Erzählung werden. Dann fungiert der Alt-Text als Bühne des Ungesagten.
Man stelle sich eine Serie vor, in der Alternativtexte eine fortlaufende Geschichte erzählen, verborgen unter Bildern, die selbst unspektakulär scheinen. Eine zweite Ebene der Abbildung, nur zugänglich für jene, die genau hinsehen oder hinhören. Das ist keine Spielerei, sondern eine Erweiterung des Mediums. Wer Alternativtexte schreibt, schreibt potenziell Literatur: stumm, verborgen, aber wirksam.
Vielleicht liegt genau darin ihre Zukunft: nicht als lästige Pflicht, sondern als Chance. Als Möglichkeit, Präzision und Kreativität zu verbinden. Wer sich darauf einlässt, entdeckt einen Raum, in dem Sprache spielerisch kreativ wird. Und wer weiß – vielleicht führt dieser Weg nicht nur zur besseren Barrierefreiheit, sondern sogar zum literarischen Olymp.
© Dominik Alexander / 2026
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Kolumne 666 besteht aus eben so vielen Worten. Dabei werden zwei Themen miteinander verwoben, die zuweilen kaum etwas miteinander zu tun haben. Ein Thema ist aus dem Pool an Schlagzeilen der vergangenen letzten Tage entnommen; das andere Thema entstammt meiner eigenen Biographie. Kolumne 666 ist ein serienhafter Kommentar zum Zeitgeschehen und soll zum Nachdenken mit anschließender Diskussion anregen; entweder hier oder im eigenen Bekanntenkreis.
Sehr interessanter und hilfreichet Text, Domink! SEO war für mich schon immer ein wichtiges Thema (schon seit Altavista). Im Laufe der letzten 20 Jahren hat sich da viel getan. Waren ALT-Texte früher essentiell zum beser aufgefunden werden, haben sie – aus meiner Sicht – heute keine so große Bedeutung mehr, Hast Du dazu andere Erfahrungen gemacht? Ich habe Ende letzten Jahres meinen blog verbessert und ALT-Texte auch mit einbezogen, aber die Suchmaschinen hat das nicht extrem beeindruckt.
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Für mich sind Alt-Texte eher beruflich relevant, da wir Rechtstexte barrierefrei online zur Verfügung stellen müssen. Leider ist das bei vielen Behörden noch nicht angekommen, was mir wiederum Fingerspitzengefühl und Verhandlungsgeschick abverlangt, um den jeweiligen Bearbeitern die Notwendigkeit, aber auch vergleichsweise einfache Umsetzbarkeit zu vermitteln. Einer unserer Nutzer ist visuell eingeschränkt und hat uns entsprechend mehrfach auf das Problem hingewiesen. Daher meine Sensibilität auf diesem Gebiet. In diesem Text habe ich nun einfach mal versucht, das literarische Potential von Alt-Texten auf die Spitze zu treiben.
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