Der Hubschrauber kreist
Unter den dunklen Regenwolken
Es ist fast schon normal
Ein Ritual
In der Dresdner Innenstadt
An einem Samstag Nachmittag
Sie nennen es Osterspaziergang
Ich nenne es Naziaufmarsch
Blätter trudeln zu Boden wie Herbstlaub
Doch es ist Frühling im Sachsenland
Und das Laub nur übriggeblieben
Denke ich an Deutschland
In dieser Zeit
Denke ich an den Beutlerpark
Am Sonntag Abend
Menschenansammlung ist da eine Untertreibung
Abstand halten nur ein Gerücht
Und Masken sowieso ein Fremdwort
Überhaupt Fremdes
Das wollen wir hier nicht haben
Sondern uns lieber laben
An der Freiheit
Die uns auch vor Corona
Nie gestört
Stattdessen haben wir gelacht
Wenn Joachim Gauck
Immerzu von Freiheit sprach
Sein Lebensmotto
Das er endlich leben durfte
Wie so viele andere in diesem Land
Vergessen war plötzlich
Die kreative Energie
Der Mut dazu
Aus nichts alles zu machen
Die Freiheitliebenden
Wollten sich ausruhen
Endlich mal bedienen lassen
Von den blühenden Landschaften ernten
Von denen Helmut Kohl so oft gesprochen
Damit sie ihn nochmal wählten
Die ihn noch nicht kannten
Kein Wille mehr auf Veränderung
Denn die war ja schon da
Die haben wir Neunundachtzig selbst geschaffen
Mit eigenen Händen
Wir sind in die Zukunft gegangen
Und wollten da nicht mehr weg
Stillstehen
Nicht mehr vorwärts gehen
Endlich mal ernten
Was wir gesät
Was ist da passiert
In den vergangenen dreißig Jahren
Dass dieselben Menschen
Die Neunundachtzig für das richtige
Auf die Straße gingen
Nun falschen Propheten hinterherlaufen?
Es sind dieselben Menschen
Nur älter
Sie sind
Die vergangenen dreißig Jahre
Stehengeblieben
Menschen von gestern
Die sich fremd fühlen im Heute
Und an das Morgen nicht mehr glauben
Für die Regierungen zeitlebens der Feind gewesen sind
Die Vertrauen nicht kennen
Für die Worte nichtsgültig sind
Die deshalb lieber schweigen
Und mit niemandem reden
Nur zuhören
Den Botschaften
Je einfacher
Je glaubhafter
Die Schuld auf andere lenken
Die vom eigenen Gewissen ablenken
Vom eigenen Unvermögen
Und von der Hoffnung
Dass die Worte aus dem Westen
Neunundachtzig
Alles galten
Im Beutlerpark
An diesem Sonntag Abend
Spielen und lachen
Die Kinder von Neunundachtzig
Sie kennen Corona nicht
Wollen es nicht kennenlernen
So wie Sechsundachtzig
Tschernobyl nur ein Gerücht war
Und Pripyat eine florierende Stadt
Falschmeldungen aus dem Westen
Wir sind trotzdem
In den Wald gegangen
Haben dort Pilze gesammelt
Am Abend haben sie geschmeckt
Wie immer
Das Corona-Virus
Die radioaktive Strahlung
Wo ist da schon der Unterschied?
Wir glauben an nichts
Das man nicht sehen kann
Das nur existiert
Durch Worte aus dem Westen
In den Köpfen der Kinder
Von Neunundachtzig
Hat der Kalte Krieg
Nie aufgehört
Meinen eigenen Osterspaziergang
Gehe ich allein
Im Beutlerpark
Wollte ich mich kurz setzen
Um diese Zeilen hier
Auf Papier zu bringen
Um sie mir nicht länger merken zu müssen
Und von den Worten befreit weitergehen zu können
Doch ich kann mich nicht setzen
Weil alles nur überfüllt ist
Mit den Kindern von
Neunundachtzig
Überfüllt von Menschen ohne Maske
Die geltenden Regeln
Sind im Beutlerpark nicht existent
So wie Corona
In den Köpfen dieser Menschen
Ohnehin diese Köpfe
Die seit Zweitausendfünfzehn eine Sprache ersonnen
Der LTI nicht unähnlich
Spazierengehen
Dieses an sich schöne Wort
Ist vernichtet worden
Durch die Zungen von Pegida
Und diese ständige Wiederholung
Relativieren
Was radikal ist
Beschönigen
Was brutal
Intellektuell ummanteln
Was primitiv
Mein Osterspaziergang ist am Ende
Zur Flucht geworden
Schon von weitem erkenne ich
Die AfD-Wähler
Wechsle die Straßenseite
Schaue sie nicht an
Will einfach nur
An ihnen vorbei
Sie wollen mit uns nicht reden
Nun wollen wir es auch nicht mehr
Krise ohne Alternative.
© Dominik Alexander / 2021
