Heute Morgen habe ich den Zug nach Magdeburg verpasst. Gestern Abend hatte ich mich noch gefreut, wollte früh zu Bett gehen. Habe es nicht geschafft. Heute war doch wieder erst morgen. Und heute war so schnell wieder da, dass mir der Morgen zu Kopf stieg. Dieser Zustand hielt bis neun Uhr an. Dann quälte ich mich endlich aus meinem Bett heraus.
Stunden später bin ich wieder latent enthusiastisch. Morgen nach Magdeburg. Dann eben morgen. Am Donnerstag. Nicht am Mittwoch. Dann soll es auch nicht so heiß sein wie heute. Gerade eben brennt mir die Sonne auf den Rücken, so wie ich mir vor einigen Tagen mit einem Sturmfeuerzeug beinahe ein Loch in meinen linken Zeigefinger gebrannt hätte. Die größere Brandblase am Rücken verhindert lediglich mein Tarn-Tanktop, das ich mir einst beim Rahmenprogramm eines Roger-Waters-Konzerts erworben hatte. Das Tanktop ist bereits Jahre alt. Das Konzert fand zu einer Zeit statt, als Roger Waters noch halbwegs klar bei Verstand war. Immerhin leistet das Tanktop noch halbwegs gute Dienste.
Ich mag es, wenn die Singvögel von der gegenüberstehenden Birke versuchen, sich mit mir zu unterhalten. Ich mag es nicht, wenn die Tauben meinen Balkon als Toilette missbrauchen – um den vulgären Begriff zuscheißen in diesem Zusammenhang nicht zu verwenden.
Jetzt ist es kurz vor fünf Uhr am Nachmittag. In Magdeburg wäre ich jetzt wahrscheinlich bereits tot. Vom Laufen unter der sengenden Sonne ohne viel Schatten, so wie es an Flussufern meist üblich ist. Vielleicht hätte ich mich auch schon in die Grüne Zitadelle geflüchtet und gedanklich nach Wien ins dortige Hundertwasserhaus begeben, wo es heute ein wenig kühler sein soll. Etwa eine Stunde später dann wieder im Zug zurück, gemeinsam mit vielen anderen Menschen, die den Ausflug lieber am Dienstag unternommen hätten, es aber nicht geschafft haben aus diversen Gründen und nun mit mir am Mittwoch im Abendzug nach Leipzig sitzen.
Irgendwann habe ich mal geglaubt, dass ich gerne reise. War das wirklich so? Oder hat sich jede Reise immer nur im Rückblick verklärt? Der Blick von einem Gipfel in den Alpen: schön. Aber der Aufstieg bis dorthin? Dokumentiert auf vielen Fotografien: so schön. Die Erinnerungen an den Aufstieg? An den eisigen Wind am Hang? Die unerträglichen Regentropfen beim Gipfelkreuz? Alles vergessen, alles verdrängt. Blut, Schweiß und Tränen sind auf den Bildern nie zu sehen. Lächle doch mal; fürs Fotoalbum, für die Daheimgebliebenen.
Ähnlich ist es bei meinen Elbwanderungen. Ja, es tut weh, wenn ich unglücklich vom glitschigen Stein abrutsche und ins Brennnesselfeld falle. Ja, die Mückenschwärme am Kilometerschild, das sich direkt neben einer Kläranlage befindet, ist weniger idyllisch als es den Anschein hat. Ja, Fotografieren mit vor Hitzeschweiß klebrigen Fingern ist kein wirkliches Vergnügen. Ja, meine schriftlichen Dokumentationen ohne bequeme Sitzmöglichkeit und ohne Schatten sind eine Tortur.
Habe ich an all das gedacht, als ich mich heute Morgen nicht kurz nach sechs Uhr aus dem Bett geschält habe, sondern erst drei Stunden später? Gewiss lag es auch an der Unverbindlichkeit des Deutschlandtickets: Fahre ich nicht heute, kann ich das auch morgen. Der neue Monat ist bereits bezahlt; teurer wird es also nicht.
Mittlerweile ist es kurz nach neun Uhr abends. Das Abendrot färbt langsam den Himmel ein. Mein Enthusiasmus ist noch latent vorhanden. Doch wird er es auch morgen früh kurz nach sechs Uhr morgens noch sein? Vielleicht, wenn ich es heute schaffe, noch heute ins Bett zu gehen. Dann könnte was draus werden.
© Dominik Alexander / 2023