Cry Baby

Wuääähhh!!!

Ein Kind brüllt, als wollte es alles Unheil der Welt seit Äonen und Generationen in sein Schreien legen.

Die Mutter säuselt:
        Hör doch bitte auf.

Wuääähhh!!!

Das Kind brüllt, verschluckt sich, hustet.

Die Mutter schmiert ihm Honig ums Mäulchen:
        Möchtest du rein?
        Komm, wir gehen rein.

Wuääähhh!!!

Statt wirklich mit dem Kind rein zu gehen, bleibt die Mutter lieber in der Nähe meines Balkons stehen. Das Kind antwortet mit einem Röcheln wie aus den tiefsten Tiefen der Hölle. Polizeisirenen von der Straße her. Holen sie den Schreihals ab?
Bitte! Um Gottes Willen! BIIITTEEE!!!

Wuääähhh!!!

Die Mutter flötet:
        Ich zeig dir noch die andere Seite.

Wuääähhh!!!

Das Brüllen wird leiser; verebbt; wird wieder lauter. Die Mutter schiebt den Kinderwagen (so meine Vermutung) mit dem Brüllgeist wieder unter meinen Balkon.

Wuääähhh!!!
Wuääähhh!!!
Wuääähhh!!!

Auf das Naheliegende kommt die Mutter nicht: dass es dem Brüllbündel zu heiß sein könnte. Vielleicht will es ins Kühle; will nicht, dass ihm die Sonne das Gehirn kocht. Die Polizeisirene heult. Das Kind brüllt.

Wuääähhh!!!
Wuääähhh!!!
Wuääähhh!!!

Die Mutter fragt sülzig:
        Bist du jetzt lieb?

Wuääähhh!!!

Die Übersetzung ist klar. Es bedeutet: NEEEIIINNN!!!
Das Brüllen ist nun wieder genau unter meinem Balkon. Endlich schaue ich hinunter und sehe die Mutter, die ihren mindestens dreijährigen Wonneproppen – blond, bezopft und gefährlich rotgesichtig – schlendernd durch die ansonsten ruhige Wohngegend schleppt. Offenbar will das Kind einfach nur selbst laufen, selbst bestimmen, wohin es will.

Die Mutter leidend:
        Wieso schreist du nur so?

Wuääähhh!!!

Das Kind windet sich in ihren Armen. Ich würde die Seite meines Buches gerne wenden, schaffe es aber nicht, weil ich jeden Satz doppelt und dreifach lese, ohne dass der Sinn bis zu meinem Gehirn dringt. Dabei befindet sich mein Kopf noch im Schatten, wurde noch nicht von der Sonne gekocht. Doch das Kindesbrüllen übertönt einfach alles. Insbesondere meine Gedanken.

Während ich so gedacht habe, wurde das Brüllen wieder leiser und ist nun gar nicht mehr zu hören. Jetzt könnte ich – vom Babyschreiben befreit – mein Buch weiterlesen und endlich einmal umblättern. Stattdessen lausche ich. In die unbekümmerte Stille hinein. Denn ich traue dem Frieden nicht.

Irgendwann beginne ich dann doch wieder zu lesen. Doch ich merke: Die Luft ist raus. Außerdem hat sich der Schatten hinter meinen Rücken verkrümelt. Die Sonne schiebt sich in meinen Balkon hinein und schickt sich an, mich jetzt doch noch zu kochen: Hirn, Haut, alles. Also bringe ich das Buch rein, außerdem den Pfefferminztee, an dem ich nur einmal kurz genippt habe.

Als ich noch einmal raus gehe, um die Polstergarnitur reinzuholen, höre ich wieder Stimmen von unten. Als ich schaue, sehe ich das blonde Kind, wie es fröhlich und artig an der Seite seines Vaters den Weg entlanghüpft. Das Gesicht hat jetzt eine gesündere Farbe als zuvor. Die Mutter ist weit und breit nicht zu sehen.


        © Dominik Alexander / 2023

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